Aristokraten ohne Monarchie: Wie es mit dem Adel nach 1919 weiterging

Vor 100 Jahren wurde der Adel aufgehoben. Wie es mit ihm weiterging, erzählt der Habsburger Leopold Altenburg jetzt anhand seiner Familie.

Leopold Altenburg erzählt, wie es mit seinem Familienzweig nach dem Monarchieende weiterging – und welche Werte heute noch gelten.
Leopold Altenburg erzählt, wie es mit seinem Familienzweig nach dem Monarchieende weiterging – und welche Werte heute noch gelten.
Leopold Altenburg erzählt, wie es mit seinem Familienzweig nach dem Monarchieende weiterging – und welche Werte heute noch gelten. – (c) Valerie Voithofer

Kaiser Franz-Joseph mag streng gewesen sein – für seinen jüngsten Enkelsohn Clemens, den Sohn von Marie Valerie und Franz Salvator, hatte er eine Schwäche. Die ging so weit, dass Clemens als hungriger Neunjähriger bei einem Festessen seinen Tafelspitz aufessen durfte, obwohl der Monarch längst fertig war.

Später, als Clemens ins heiratsfähige Alter kam, war die Monarchie Geschichte, Karl, der letzte Kaiser, tot, seine Frau Zita im Exil. An sie wandte sich Clemens mit der Bitte, Elisabeth Resseguier de Miremont heiraten zu dürfen. Die war Tochter eines Grafen, aber auch nicht mehr, und das wiederum war ein Problem. Der Adel mochte aufgehoben sein – das Hausgesetz der Habsburger galt weiter. Demzufolge war eine Ehe nur dann als standesgemäß, wenn sie mit einem anderen Mitglied des Erzhauses oder eines anderen (zumindest ehemals) regierenden Hauses geschlossen wurde.

So kam es, dass Clemens (von) Habsburg den Namen Altenburg annahm; in Erinnerung an ein Schweizer Schlössli, das die Habsburger bewohnten, noch bevor sie in die namensgebende Habsburg übersiedelten. Und so kommt es auch, dass Clemens' Enkel Leopold Altenburg so heißt – und nicht Habsburg. Dem in Graz aufgewachsenen, in Berlin lebenden Schauspieler und Krankenhausclown ist das nur recht: „Der Name Altenburg“, sagt er, „hat mir viel mehr Freiheit gegeben.“ Er habe Straßentheater gemacht, in „wilden Stücken“ gespielt, hätte sich das alles mit dem Namen Habsburg vielleicht nie getraut.

Dass Altenburg nun doch in einem Buch den Weg seines Familienzweigs vom Ende der Monarchie bis ins 21. Jahrhundert nachzeichnet, hat mit seiner Ururgroßmutter Sisi zu tun. Die Musical-Begeisterung seiner Frau und seiner Töchter hatte dazu geführt, dass er vor drei Jahren letztlich als Ehrengast auf der Berlin-Premiere von „Elisabeth“ gelandet war. (Dass Jucken auf seinem Kopf während der Interviews schrieb er übrigens der Aufregung zu – erst hinterher entpuppen sich die Läuse seiner Töchter als wahre Ursache.)

Schauspieler und Kaiser-Erklärer

Im Anschluss an sein „Outing“ als Habsburger kamen nicht nur Fernsehangebote als Monarchie-Erklärer, sondern Ghostwriter-Angebote für ein Buchprojekt. So, erzählt Altenburg, habe ihn der Ehrgeiz gepackt, seine Familiengeschichte doch lieber selbst zu erzählen. Begonnen habe er „Der Kaiser und sein Sonnenschein“ im Übrigen ziemlich kabarettistisch, bis ihm der Verlag Einhalt geboten habe: Niedergeschriebene Ironie funktioniere nicht. Bei allem Respekt für die Geschichte liest sich das Buch trotzdem humorvoll und ehrlich. Die Großfamilie werde über ihn herfallen, befürchteten denn auch seine Geschwister.

Anhand der Fakten, die Altenburg mit fiktionalen Dialogen belebt, erzählt er in dem Buch, wie sein Großvater Clemens, der auf seine Ansprüche verzichtet hatte und in Österreich geblieben war, den Zweiten Weltkrieg in der Kaiservilla in Bad Ischl verbrachte (wo der Tisch stilecht gedeckt wurde, auch wenn die Menükarte nur Kartoffeln und Löwenzahnsalat zu bieten hatte), und sich später in der neuen Welt zurechtzufinden suchte. Vieles davon weiß er von seinem eher verschlossenen Vater Peter, der als Verlagskaufmann im Grazer Styria-Verlag arbeitete und in hohem Alter seine Erinnerungen in einer Chronik beschrieb.

Auch Altenburg hat die Aristokratie erlebt, spätestens als er zum Studium nach Wien kam und dort sofort einen riesigen Freundeskreis mit seltsamen Spitznamen hatte. Man könne zwar Titel abschaffen, „nicht aber ein über Jahrhunderte gewachsenes gesellschaftliches Netzwerk“. Ebenso gehalten habe sich die ambivalente Haltung der restlichen Gesellschaft zwischen Abwehr und Ehrerbietung. Altenburg sieht es gelassen. „Den König spielen immer die anderen“, besage schon eine alte Schauspielerweisheit: Ohne Untertanen existiert er nicht.

ZUR PERSON

Leopold Altenburg ist ein Enkel von Clemens Salvator Österreich-Toskana, der wiederum war ein Sohn von Erzherzogin Marie Valerie. Altenburg ist Schauspieler, Regisseur und Rote-Nasen-Clown. „Der Kaiser und sein Sonnenschein“ (Goldegg Verlag, 240 Seiten, 22 Euro) erzählt seine Familiengeschichte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2019)

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