Edelkoort: Blick in die Zukunft

Trendforscherin Li Edelkoort verrät, wie Weltmarken überleben können, was sie unter extremem Service versteht und warum sie "Enjoy"-Medaillen verleiht.

Edelkoort Blick Zukunft
Edelkoort Blick Zukunft
(c) Edelkoort

Sie trägt flache schwarze Schuhe, ein voluminöses Oberteil und große Ray-Ban-Brillen. Immerhin – wir wissen, was Li Edel­koort vor Kurzem beim Trendseminar des 11-Festivals in Wien getragen hat. Sie aber weiß, was wir im übernächsten Jahr im Schrank haben werden. Jetzt schon. Und zwar ziemlich genau. Die 60-jährige Trendforscherin zählt zu den verlässlichsten Orakeln der Lifestylewelt. Und zu den einflussreichsten. Ihre Prognosen erscheinen regelmäßig in Buchform: „The Wellbeing Bible“, „The Lifestyle Forecasting Book“ oder „The General Trend Book“, versehen mit Stoffproben, bepreist mit 2000 Euro das Stück. Dafür ist man eine von 250 Personen, die Edelkoorts Prophezeiungen kennen. Sie selbst schreibt übrigens gerade an einem ganz anderen Werk, verrät sie im Gespräch mit dem „Schaufenster“. Ein Buch über Spiritualität im Alltag. Mehr könne sie darüber aber noch nicht verraten. Vermutlich ist ihr das zu nah am Jetzt.

Sie sagen, mit dem Alter würden Ihre Vorhersagen präziser. Aber wie viel von Ihrer Arbeit ist Intuition, wie viel ist Erfahrung?

Das Thema kommt immer aus der Intuition. Dann folgt das Rationale. Ich suche nach Erklärungen und stelle Fragen. Ich würde es 70:30 aufteilen.

Bei globalen Marken spüren Sie den Trend zum Re-Luxury. Eine Rückbesinnung?

Ja. Eine unglaubliche Entwicklung in so kurzer Zeit: Ich habe die Produktion abwandern gesehen und ich werde sie wiederkehren sehen. Die Marken werden draufkommen, dass es auf Dauer zu teuer wird, am anderen Ende der Welt zu produzieren. In China, Indien und Bangladesch steigen die Preise, während wir hier sprechen.

Sie sagen sogar, Weltmarken würden nur überleben, wenn sie lokal dächten. Das Ende der Globalisierung?

Sagen wir lieber so: Um global zu bleiben, müssen wir regional denken. Die Leute haben es satt, auf der ganzen Welt dieselben Produkte zu finden. Seit Macy’s zum Beispiel nicht mehr in jedem Kaufhaus die Ware gleich präsentiert, sondern auf lokale Bedürfnisse Rücksicht nimmt, sind die Verkäufe gestiegen.

Was bedeutet Luxus für Sie?

„Extremes Service“ zum Beispiel. Das ist extrem vorausblickend. Am besten, mein Gepäck wird schon vor der Abreise abgeholt, im Hotel ausgepackt, gebügelt, in den Kasten gehängt. Konzerne wie Louis Vuitton denken über so etwas nach. Das Ziel: Wir wissen noch gar nicht, was wir wollen – sie wissen es aber schon. Ich habe das in der Singita Lodge in Südafrika erlebt. Es war wie Telepathie. Ich schaue auf meine Kamera und sofort werde ich gefragt, ob die Fotos auf eine CD gebrannt werden sollen. In das Hirn der Kunden. Da müssen Luxuskonzerne hin.

Da sind wir momentan sehr weit davon entfernt.

Ja, es ist so selten, dass jemand nett ist. Deshalb habe ich Medaillen angefertigt, auf denen „Enjoy“ steht. Wenn jemand besonders freundlich ist, dann gebe ich sie ihm. Zuletzt dem Security-Mann auf dem Flughafen. Zu dem ist sonst auch niemand nett. Ich möchte Nettigkeit fördern.

Sie arbeiten für Mode-, Design-, Auto- und Lebensmittelkonzerne. Was fragen die?

Einige wollen eine neue Marke aufbauen, andere wollen wissen, welche Form Kekse haben müssen oder was das Transportmittel im Jahr 2020 sein wird. Es kann alles sein, von der Strategie bis zum Detail.

Welche Frage hat sie am meisten herausgefordert?

Die Frage nach den Transportmitteln. Das war nämlich vor 17 Jahren – also 34 Jahre vor 2020. Ich habe gesagt, dass wir in einer „Fusion von Gegensätzen“ leben werden. Auf dem Weg sind wir nun. Der Konsument muss wählen, will er den schnellsten, grünsten, schönsten oder billigsten Weg von A nach B?

Was passiert, wenn Sie einen Trend nicht mögen?

Meine eigene Meinung zählt nicht. Außerdem ist Mögen ja nichts Permanentes. Pink mag man erst nicht, dann doch. Liebe und Hass liegen sehr eng nebeneinander.

Würden Sie sich als Trendmacherin bezeichnen?

Wir sind nur ein Radar. Wenn eine Firma unsere Bücher kauft, ist es ein wichtiges Hilfsmittel, aber da kommt noch viel dazu. Es setzt die Maschine in Bewegung.

An manchen Trends liegt Ihnen aber etwas. Zum Beispiel an der Rückkehr von Stoff ins Zuhause.

Ja, weil wir nämlich von einer sterbenden Gattung sprechen. Mir sagen immer mehr Leute, sie bekommen Farben, Muster und Texturen nicht mehr. Ich würde sagen, fünf bis sieben Jahre noch, dann ist das Wissen darum tot.

Den verstärkten Wunsch nach Stoff begründen Sie mit der Unzufriedenheit der Leute.

Vor allem junge Leute haben es schwer wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Kaum Jobs, teure Ausbildung und überall so viel Angst. Angst vorm Terror, Angst vorm Nachbarn, Angst vorm Essen. Textilien halten uns im Arm, machen das Leben bunt. Das ist ein Trend-Tsunami.

Wie schaut das Schönheitsideal der Zukunft aus? Hat der Schlankheits- und Jugendwahn ein Ende?

Ich bin öfter in Swimmingpools mit amerikanischen Frauen und sehe diese klinische Zerstörung. Monströse Mick-Jagger-Lippen, die sich nicht mehr bewegen lassen. Komplett krank. Natürlich schlank sein durch Bewegung, gesundes Essen und Schlaf – das ist das neue Ideal für Männer und Frauen. Typen wie Kate und William. Attraktiv, aber nicht mager.

Was sind die Trendstädte von heute?

Leute reden viel über São Paulo. Über Berlin, aber das ist schon zu etabliert. Shanghai ist faszinierend wie New York in den 1970ern.

Wie würden Sie Zeitgeist definieren?

Als das universelle Gehirn. Jeder hat Gedanken, aber alle sind zu viel für uns. Und so schwirren sie in der Gegend herum und haben die Tendenz, sich zu größeren Ideen zusammenzutun. Viele Daten, viele Emotionen, die dann beginnen, zu Ideen zu werden. Das kanalisiert sich dann als Kunst oder Mode oder als Wort, das plötzlich aufpoppt, und man fragt sich: Wo kommt das her? 

TIPP

Trend-Wikipedia
Auf ihrer neuen Seite lädt Li Edelkoort User ein, lokale Trends zu posten. Es soll ein weltweiter Inspirationsraum werden.
www.trendtablet.com

Frisch aus der Trendbibel

Mode
Mountain Girl. Mit Bergschuhen, Rucksack und Tirolerhut zur Arbeit. Natur kommt in die Stadt.
Vagabond-Style. Mode als Gesellschaftskritik. Kartonfarben, Chaplin-Silhouetten und Patchwork als Zeichen gegen den Konsumwahn.
Bloom. Der Name des Magazins von Li Edelkoort ist gleich Bezeichnung für den lang anhaltenden Trend von Garten und Blumen.
Reißverschluss. Er wird zum Magnet der Aufmerksamkeit – nach 150 Jahren stiller Funktion.

Farben
Schwarz. Die „mentale Burka“ gibt uns abends Sicherheit.
Gelb. Hatte Anlaufschwierigkeiten, bleibt uns jetzt auf Jahre erhalten.
Naturfarben. Sand oder nasses Gemüse, vor allem der Ton „Wet Salad“.

Shopping
Monostores. Kleine Spezialgeschäfte: nur Hüte, nur Wein, nur Brillen und vor allem das „Super-Comeback“ edler Hemden­geschäfte.
Meterware zum Mitnehmen – für die kleinen Extras zu Bluse und Hemd zum Selbermachen.

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