Bockelmann: „Ich male keinen griechischen Wein“

Der Maler über seine neue Ausstellung und die Bedeutung seines Bademantels. Und ja, auch über seinen Bruder Udo Jürgens. Lange wurde seine Arbeit als „Malerei der Stille“ bezeichnet.

(c) ORF (Dominik Beckmann)

Mein Bruder ist ein Maler“, sang Udo Jürgens vor vielen Jahren. Das Lied war nach einem Gespräch mit diesem Bruder entstanden, Jürgens hatte darin seinen jüngeren Bruder Manfred Bockelmann beneidet: um eine Kunst, die man sieht, die bleibt, wenn Lieder längst verklungen sind, und ein Leben mit Familie an einem gleich bleibenden Ort. Bockelmann tröstete Udo Jürgens daraufhin, auch er beneide ihn: Um seinen Erfolg, das Arbeiten in einer Gemeinschaft, den Lebensstandard und die Begeisterung der Fans. „Vor meinen Bildern“, sagt Bockelmann, „hat noch nie jemand applaudiert.“

Jürgens schickte seinem jüngeren Bruder das Lied zu Weihnachten, es war nie für die Öffentlichkeit gedacht, doch sein Manager sah das anders. Rückblickend erwies Udo Jürgens Bockelmann keinen großen Dienst: Plötzlich kamen in die Ausstellungen Menschen, die „den Bruder von Jürgens“ sehen wollten – und mit seiner Arbeit wenig anzufangen wussten. Denn Bockelmann malt „keinen griechischen Wein“. Im Gegenteil.

Lange wurde seine Arbeit als „Malerei der Stille“ bezeichnet. Begonnen hatte er früh, schon als Kind erkannte man sein Talent, auch der um neun Jahre ältere Udo war dahinter, dass Bockelmann nicht Bauer wurde. Schon früh, in den Sechzigern, verließ er den heimatlichen Hof in Kärnten, machte seine Ausbildung in Graz und ging nach Deutschland, wo er vorerst eine Karriere als Fotojournalist begann. Bis in die Siebziger reiste er und fotografierte für Magazine, bis sich das Gefühl einschlich, „dass ich ja eigentlich etwas anderes wollte“.

Für zwei Jahre griff er trotzdem noch einmal zur Kamera, um Friedensreich Hundertwasser auf seinem Schiff „Regentag“ zu begleiten und in einen fotografischen Dialog mit dem Maler zu treten. Daraus entstand ein höchst erfolgreiches Buch, und Bockelmann widmete sich fortan der Malerei. Mit seinen abstrakten Ölbildern war er auf den wichtigsten Kunstmessen vertreten, die Nachfrage der Kunden und Galeristen war groß. Doch Ende der Achtziger „kam ich an einen Punkt, an dem ich glaubte, mich zu wiederholen. Also habe ich mich rausgenommen aus der Kunstwelt. Viele dachten, ich hätte aufgehört“.

Die Wende brachte vor sechs Jahren ausgerechnet sein Bademantel: Bockelmann hatte eine Ausstellung zusammengestellt und das Gefühl, „dass irgendetwas fehlt. Dann hab ich mich plötzlich im Spiegel gesehen – und war überwältigt von dem Bademantel“. Er warf ihn auf den Boden, zeichnete ihn nach und fand so von der abstrakten zur dinglichen Malerei. Fotos dienen ihm dabei als Skizzen. Den Bademantel zeichnet er noch immer, auch New York, Menschen, viel Natur. „Kohle auf Leinwand“ heißt seine aktuelle Wiener Ausstellung schlicht.


Den „Mann mit dem Fagott“ – Jürgens' Film über die Familie, der am Sonntag Premiere feiert – hat er schon in einer Rohfassung gesehen. Er habe „schon große Angst“ gehabt, sagt er, und ist angesichts des Ergebnisses erleichtert: „Es ist eine uneitle Geschichte geworden, die mit ,Merci Chérie‘ endet.“ Er selbst komme ohnehin nur als Baby vor. „Ich bin ja erst 1943 geboren, in den letzten Jahren des Krieges, als die meisten Opfer zu beklagen waren.“ Das ist ein Thema, das an ihm nagt, zu seinem Siebziger plant er eine Ausstellung zum Holocaust. „Vorsichtig, sodass man die Leute erreicht.“ Holocaust, kein „griechischer Wein“.

Fakten

Manfred Bockelmann (68) betreibt Ateliers in München und Wien. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und lebt auf dem elterlichen Hof in Kärnten. In der Galerie Frey findet heute Abend die Vernissage zur Ausstellung „Kohle auf Leinwand“ statt (bis 5. November). In Velden hat am Sonntag der Film „Der Mann mit dem Fagott“ Premiere. Udo Jürgens erzählt darin die Geschichte der Familie Bockelmann. Sendetermin: 29. und 30. September, ORF 2. Am 2. Oktober bringt ORF 2 ein Porträt über Manfred Bockelmann.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2011)

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