Sunnyi Melles: "Menschen sind Getriebene"

Sunnyi Melles spielt in der "Mittsommernachtssexkomödie". Mit dem "Schaufenster" sprach sie über Instinkte, die Liebe und ihr Verhältnis zum Publikum.

Sunnyi Melles Menschen sind
Sunnyi Melles Menschen sind
(c) Pichler

Sunnyi Melles ist eine der großen Damen des Wiener Burgtheaters. Dabei eilt ihr der Ruf, eine Diva zu sein, ebenso sehr voraus, wie der, eine ausgezeichnete Schauspielerin zu sein. Vor allem in humorigen Stücken begeistert die 53-Jährige ihr Publikum. Zu Silvester übernimmt sie die Rolle der umschwärmten Ariel in „Eine Mittsommernachtssexkomödie“, inszeniert von Burgtheater-Direktor Matthias Hartmann. Er hat das Stück als Silvester-Special noch kurzfristig in das Burg-Programm aufgenommen.

Die „Mittsommernachtssexkomödie“ von Woody Allen handelt von der Frage, warum sechs Menschen über Sex und Liebe stolpern. Spiegelt das Stück die Realität wider?

Ja, und dies sehr zeitgemäß. Weil es um die Frage geht: Können ein Mann und eine Frau Sex ohne Liebe haben oder sich lieben, ohne Sex zu haben.

Und? Was ist die Schlussfolgerung?

Also diese Gedanken, die kennt jeder. Die haben wir während der Probe alle sechs gehabt (Michael Maertens, Dorothee Hartinger, Roland Koch, Esmée Liliane Amuat und Martin Schwab, Anm.). Aber beantworten kann ich sie nicht. Ich frage mich täglich, warum wir so ticken. Im Stück gibt es einen Urinstinkt in uns, der uns nicht nur monogam sein lässt. Dagegen sind wir auch machtlos.

Und was heißt das jetzt?

Dass wir Menschen Getriebene sind. Also nicht nur die Männer, auch wir Frauen. Es passiert uns einfach.

Vielen Menschen behagt dieser Gedanke sicher nicht.

Aber alle müssen wir mit diesen Gefühlen leben. Die kommen einfach über einen. Und das ist auch das Tolle an Woody Allens Theaterstück (Er hat das Stück vor seinem Film geschrieben, Anm.). Er sagt darin Dinge, die sich andere denken und vielleicht nicht ausleben.

Ist es schwierig, solche Themen auf der Bühne zu vermitteln?

Jein. Solche Szenen sind sehr schwer erarbeitet. Ich muss mit meinem Partner Liebe mit Sex, Sex ohne Liebe oder beides spielen, das färbt doch ab. Man ist selber völlig verwirrt. Aber es ist sexy, manchmal so zu proben.

In der „Mittsommernachtssexkomödie“ spielt auch das Thema Seitensprung eine Rolle. Glauben Sie, dass das Konzept der Treue überhaupt noch funktioniert?

Ich weiß gar nicht, ob es zu einem Zeitpunkt besser oder schlechter funktioniert hat. Untreue hat es schon immer gegeben. Das ist der Stoff, aus dem die Kunst, also Gemälde, Musik, die großen Kinofilme oder die Literatur in den vergangenen Jahrhunderten entstanden sind. Deswegen hat Woody Allen auch Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ und die Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy in sein Stück eingeflochten.

Das Stück ist, wie der Name schon sagt, eine Komödie. Rückblickend gesehen, was ist die größere Herausforderung: komische oder tragische Rollen?

Beide gleich. Das Komische ist aber anstrengender auf der Bühne zu proben. Weinen kann man immer, aber lachen? Das muss man sich schon schwer erkämpfen. Für mich ist es das größte Geschenk, wenn das Publikum Tränen lacht und vor Rührung weint. Ich liebe Tränen, sie sind wie Diamanten.

Sind Sie selbst ein humorvoller Mensch?

Ohne Humor wäre es mir oft schlecht gegangen. Man lebt nicht mit der Trauer, sondern mit dem Humor. Den benötigt man als Brücke, um die Trauer zu überwinden. Gleichzeitig kann man in den Humor auch viele Grausamkeiten hineinpacken.

Was für Grausamkeiten?

In der „Mittsommernachtssexkomödie“ wollen sich Leute zum Beispiel umbringen. Aber der Schutzmantel aller sechs Figuren ist der Humor, das Tragisch-Komische.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Rollen aus?

Ich habe mir noch nie eine Rolle selber ausgewählt. Das war immer der Wunsch eines Regisseurs.

Aber Sie haben ja das Gretchen oder die Buhlschaft gespielt, haben Sie nie versucht, diese Rollen zu bekommen?

Ich bin abergläubisch. Wenn man den Wunsch laut äußert, dann geht der Wunsch nicht in Erfüllung. Ich habe in diesem Jahr mit Detlev Buck in drei Filmen gearbeitet. Das hätte ich mir vorher nicht im Traum gedacht. Diese Dankbarkeit empfinde ich bei Matthias Hartmann. Seine Arbeit ist ehrlich, aber hart erkämpft. Seine Kritik trifft wie ein Amor-Pfeil. Immer ins Schwarze. Aber ich habe auch andere Regisseure erlebt. Da hat die Chemie überhaupt nicht gepasst, und dann sag ich mir traurig: „Nie wieder.“ Aber ich steige natürlich nicht aus.

Nie?

Nein. Nie! Das gibt es nicht. So schlimm kann es gar nicht sein. Man hat ja auch immer einen Vertrag. Das sage ich auch immer meinen Kindern: „Du kannst doch jetzt nicht einfach so den Lehrer wechseln.“ Da musst du durch. Man muss sich ja mit Dingen auseinandersetzen. Man hinterlässt ja sonst Narben oder Zerstörung. Ich sag immer: „Bitte ruf mich vorher an, wenn du so einen Gedanken hast.“ Ich würde alles in einer Produktion tun, wenn ich wüsste, dass jemand solche Gedanken hegt.

Aber wenn der künstlerische GAU droht, dann ist es doch besser, einfach zu gehen.

Nein, so schlimm kann es bei mir nicht sein. Was soll das? Das ist mein Beruf. Dann fahren wir das Stück halt gegen die Wand. Also wenn ich den Erfolg akzeptiere, dann auch den Misserfolg.

Lesen Sie Kritiken?

Ja, immer, und ich gucke auch immer, wer sie geschrieben hat.

Und einen Verriss verzeihen Sie nicht.

Doch. Ich bin da demokratisch. Die können alles machen. Das Publikum kann ja auch schlafen oder rausgehen. Das gehört dazu. Man kann mich nicht immer gut finden.

Sie reisen im Moment sehr viel, wissen Sie überhaupt, in welcher Stadt Sie aufwachen?

Tatsächlich weiß ich immer, aus welchem Traum ich aufwache, weil ich meine Träume nie vergesse, aber nicht, in welcher Stadt ich mich befinde. Dafür funktioniert meine innere Uhr. Ich wache jeden Morgen um 4.30 Uhr auf. Mein erster Gedanken ist dann, meine Kinder und meinen Mann anzurufen, und dann kommt lange, lange nichts.

Fühlen Sie sich in Wien wohl?

Im Moment sind Wien und das Burgtheater mein Zentrum. Ich liebe das Burgtheater. Die Kollegen, die Leute, die hier im Hintergrund arbeiten, die Nähe der Techniker. Das ist für mich sehr wichtig. Ich habe großes Lampenfieber, und vor jeder Vorstellung hilft es mir, die Burg-Mitarbeiter hinter der Bühne zu sehen. Sie geben mir das Gefühl, mich zu halten. Das ist eine große Unterstützung. Ich bin ja nur fünf Prozent, und 95 Prozent sind das ganze Haus. 

TIPP

Sunnyi Melles spielt die "Ariel" in der Mittsommernachts- komödie im Wiener Burgtheater: 31. 12. und 1., 4., 13., 20., 21., 25. 1. www.burgtheater.at

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