Aga Khan: "Von westlicher Welt nicht wahrgenommen"

Der Imam Karim Aga Khan erzählt im Gespräch mit der "Presse am Sonntag" von seinem größten Ziel: Ein besseres Verständnis zwischen der muslimischen und der westlichen Welt zu schaffen.

Khan westlicher Welt nicht
Khan westlicher Welt nicht
Aga Khan – (c) EPA (Paul Buck)

Er wurde in der Schweiz geboren und lebt heute in der Nähe von Paris. Für rund 15 Millionen schiitische Ismailiten rund um die Welt gilt er als direkter Nachfolger des Propheten Mohammed

Eine Ihrer ersten Entscheidungen als Imam im Jahr 1957 war es, eine Zeitung in Nairobi zu gründen, warum gerade eine Zeitung?

Karim Aga Khan: Ich habe mich gefragt, ob die afrikanischen Führer sich bewusst waren, dass sie der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig waren. Es gab keinerlei afrikanische Berichterstattung über afrikanische Politik, Ambitionen und Ziele und ich hatte das Gefühl, dass das sehr gefährlich war. Und so starteten wir mit einer Zeitung, die sich auf afrikanische Vorstellungen von der Zeit nach der Unabhängigkeit konzentrierte.


Macht es einen Unterschied, ob Ismailiten an einem Projekt arbeiten oder nicht?

Es macht sehr wohl einen Unterschied. Die Ismailiten sind eine sehr talentierte und gut ausgebildete Gemeinschaft und wir haben das Glück, mit hoch qualifizierten Leuten zu arbeiten. Durch sie bekomme ich einen Einblick in Situationen, den ich ansonsten nicht bekommen würde. Ich werde auch gewarnt vor Dingen, die nicht so gut laufen.


Warum scheint der Blick des Islam auf die westliche Welt mitunter so eng?

Ich denke, dass die Wertesysteme sehr unterschiedlich sind. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass es nie nur eine Sichtweise gibt, weil die islamische Welt in sich so pluralistisch ist. Die westliche Welt ist auch pluralistisch und ich denke, dass es immer mehrere Sichtweisen gibt und darüber hinaus ändern sich diese im Laufe der Zeit. Es kommen Kräfte ins Spiel, die man vorhersagen kann oder auch nicht. Aber im Endeffekt müssen diese verschiedenen Teile der Welt lernen, miteinander zu leben. Aus der Sicht der muslimischen Welt ist eines der größten Probleme, dass wir von der westlich zivilisierten Welt nicht wahrgenommen werden. Innerhalb der westlich zivilisierten Welt lehrt man Pluralität der Sprachen, der Philosophie, der Religion, der Kultur, aber bis vor kurzer Zeit gehörte Wissen über die islamische Welt nicht zur Definition einer gebildeten Person.


War das auch Ihre Erfahrung, als Sie in Harvard studiert haben?

Oh ja, absolut. Die islamische Welt gehörte nicht zur Ausbildung.


Haben Sie in Harvard beschlossen, auf diese Ausblendung der islamischen Welt im Westen zu reagieren?

Ja, genau. Das war die stärkste Motivation. Wenn sich Menschen miteinander auseinandersetzen wollen, brauchen sie ein grundlegendes Verständnis. Wenn es das nicht gibt, dann ist es eine schwierige Aufgabe, die Menschen dazu zu bringen, zu kommunizieren und Werte zu teilen.


Sie glauben also, dass zum Beispiel Kunst eine Brücke für einen Dialog sein könnte?

Durchaus. Und tatsächlich war die Kommunikation, was Philosophie und Kunst anbelangt, in der Geschichte immer sehr stark.


Was sind Ihre Erfahrungen hinsichtlich Toleranz und Pluralismus?

Ich arbeite vorwiegend in den Entwicklungsländern Zentralasiens und Afrikas und diese haben sich seit 1957 massiv verändert. 1957 waren diese Länder hauptsächlich geprägt vom Dogma des Kalten Krieges. Heute ist dieses Dogma bis zu einem gewissen Grad verschwunden. Es gibt neue Dogmen, aber dieser spezielle Konflikt ist vorbei. Dieser Kalte Krieg hat zu einer massiven Lähmung geführt. Wenn ich heute zurückschaue, würde ich sagen, das hat sich geändert. Ja, es gibt neue Dogmen, aber keine so lähmenden.

Sehen Sie einen Fortschritt?

Oh ja, deutlich. Denken Sie nur daran zurück, wie westliche Medien in den 1950er-Jahren über China und Indien berichteten. Es hieß, diese Länder würden sich nie selbst ernähren können, wären außerstande, sich zu industrialisieren, und auch eine Verbesserung der Lebensqualität wäre dort unmöglich. Ich sage nicht, dass alles perfekt ist, aber ich kann die Augen nicht davor verschließen, dass all dies sich massiv verändert hat. Und ich glaube, dass das auch einmal auf Afrika zutreffen wird.


Glauben Sie wirklich, dass Sie die westliche Einstellung zum Islam beeinflussen können?

Ich denke, wenn es keinen Dialog zwischen der muslimischen und der westlichen Welt gibt und auch kein Verständnis, und wenn man seine Aktivitäten auf die muslimische Welt beschränkt, dann wird sich das Verhältnis nicht verbessern. Man muss auch außerhalb der islamischen Welt Kapazitäten schaffen, um einen Dialog auf mehreren Ebenen zu schaffen. Die islamische Welt ist erstaunlich stark in den Geisteswissenschaften, aber die westliche Welt hat das nie gesehen. Ich glaube fest daran, dass ein möglicher Grundstock für einen echten Dialog dieser ganze Bereich von Kunst, Kultur und Philosophie sein könnte, diese Bereiche spielen derzeit absolut keine Rolle für einen möglichen Dialog.


Es wäre also ein logischer Schritt, sich auch in Europa zu engagieren?

Absolut. Wir haben schon Agenturen, zum Beispiel in Lissabon, und wir werden noch andere etablieren. Aber wir sind nur ein kleiner Player in diesem ganzen Spiel.


Was können Sie dem beschädigten Image des Islam entgegensetzen?

Ich glaube , da gibt es mehrere Ansätze. In erster Linie geht es um einen Dialog mit nicht-muslimischen Gemeinschaften in der industrialisierten Welt. Aber bedenken Sie, dass es immer mehr muslimische Gemeinschaften in diesem Teil der Welt gibt und diese anerkennen ihre eigene Kultur und ihre eigene Identität. So ein Engagement hat vielfältige Effekte und ermöglicht einen anderen Blick als immer nur auf die Konfliktherde der Welt. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass viele der heutigen Konfliktherde auf der Welt nicht zurückzuführen sind auf den Islam als Religion. Tatsächlich liegen ihnen ungelöste politische Fragen zugrunde.


Vor mehr als 100 Jahren hat sich Ihr Großvater, Aga Khan III, schon bemüht, Frauen zu gleichen Rechten zu verhelfen. Wie sehen Sie die Rolle von Frauen in der islamischen Welt?

Das hängt sehr stark damit zusammen, was ich als die Sozialgeschichte der Gemeinschaften bezeichnen würde. Die Geschichte von sozialen Gebilden in der islamischen Welt ist nicht einheitlich. Die afrikanische unterscheidet sich von der asiatischen und von der arabischen. Es wäre falsch von Einheitlichkeit bei Themen zu sprechen, die im sozialen Kontext stehen. Dessen muss man sich bewusst sein. Aber auch wenn es in der westlichen Welt eine große Debatte gibt, letztendlich geht es in der islamischen Welt darum, wie man die Würde von Frauen verteidigt. Und die Regeln sind nicht nur für Frauen! Die westliche Welt sagt oft, dass die islamische Welt auf Frauen herabsieht. Das stimmt nicht. Sie achtet auf männliches Verhalten gegenüber Frauen und dafür gibt es Richtlinien, die genauso klar sind. Es geht von der grundlegenden Absicht her viel mehr um den Schutz von Frauen in der Gesellschaft.

Werden Sie manchmal ungeduldig?

Vielleicht nicht ungeduldig, ich bin besorgt, wenn ich die Ursachen für Blockaden nicht verstehe oder wenn Leute die Blockaden nicht erkennen oder sich nicht mit ihnen konfrontieren. Manchmal neigen Institutionen und Organisationen dazu, Situationen als gegeben hinzunehmen, deswegen können sie nicht geändert werden. Und das kann dazu führen, dass man unter Bedingungen lebt, die nicht sein müssten. Und das muss man infrage stellen.


Sie besitzen einen berühmten Rennstall. Sind Pferde wichtig in Ihrem Leben?

Sie waren ein Unfall in meinem Leben. Ich habe nicht damit gerechnet, dass mein Vater bei einem Autounfall ums Leben kommen würde und er hat, nachdem mein Großvater gestorben war, die Pferde übernommen.  Er war das einzige Familienmitglied, das diese Tradition weiterführte. Und dann starb er bei einem Autounfall. Mein Bruder, meine Schwester und ich, wir wussten nichts darüber und Pferde waren nie Teil meines Lebens.  Aber die Pferdezucht war drei Generationen lang eine Familientradition, in Indien und dann in Europa und ich war etwas zwiegespalten, ob ich damit weitermachen wollte. Es bedeutete, etwas zu lernen, was nicht Teil meiner Aufgabe war, aber es war Teil meiner Familie. Und so beschloss ich, damit weiterzumachen. Es war mir nicht ganz wohl dabei, etwas zu übernehmen, was Zeit beanspruchte und von dem ich nicht das Gefühl hatte, dass es wichtig war. Heute bin ich froh, dass ich es gemacht habe. Meine Tochter und meine Söhne genießen es und ich glaube, jede Familie hat die Pflicht, eine Tradition fortzusetzen, die es seit drei Generationen gibt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.03.2012)

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