Die Ich-Pleite: Schmuddelkinder

Natürlich möchte man zu den Menschen gehören, die Mitleid mit den Geächteten haben.

Mit den kleinen Schmuddelkindern dieser Welt, die von niemandem geliebt werden. Nur weil sie vielleicht keinen Schönheitswettbewerb gewinnen würden. Okay, sogar hässlich sind. Und dazu unnütz und lästig und auch noch schlecht riechen. Ich hätte früher immer gesagt: Man darf nicht über sie die Nase rümpfen. Sie können ja auch nichts dafür! Aber das sagt sich natürlich leicht, wenn man mit ihnen nicht in einer WG wohnen muss. Vor ein paar Jahren hat noch niemand auch nur ihren Namen gekannt. Sie heißt Halyomorpha halys. Zu Deutsch: Marmorierte Baumwanze, Spitzname: Stinkwanze. Und jetzt kommt sie schon dutzendweise zum Fenster he­reingeflogen, weil es ihr draußen zu kalt ist. Die Marienkäfer hatten es vergangenen Winter zu kalt gehabt und auch millionenfach meine Altbaufenster besiedelt. Das hat mir auch nicht gefallen. Aber da sieht man wieder einmal, wie undankbar man ist. Es hätte ja noch schlimmer gekommen sein können. Es hätten Marmorierte Baumwanzen gewesen sein können. An so einem trüben Jännerwochen­ende kann man schon auf die Idee kommen, den Abwärtstrend bei der Insekteninvasion mit dem seriellen Beziehungsleben zu vergleichen. Natürlich hat die Marmorierte Baumwanze ihre guten Seiten! Sie saugt zwar Säfte aus den Pflanzen, aber sie tut ihnen nichts. Uns auch nicht. Sie stinkt nur, wenn man ihr zu nahe kommt. Deshalb wird sie nicht als „Schädling“ eingestuft, sondern nur als „Lästling“, auf dem halben Weg zum „Liebling“. Man müsste sich nur ein bisschen bemühen. Vielleicht sollte man sich mit der Stinkwanze arrangieren. Niemand weiß schließlich, was womöglich nachkommt.

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