Die Ich-Pleite: Stockholm-Syndrom

Unser Smartphone wirkt auf uns eben wie Heroin auf süchtige Laborratten

(c) Carolina Frank

Als Goethe seine Ballade über den Zauberlehrling schrieb, hätte er auch nie gedacht, dass der Besen einmal viereckig sein und dauernd Stress wegen seines Akkus machen würde. Dabei ist das nur ein Grund, warum das Smartphone unseren Blutdruck nach oben treibt. Wir verbringen durchschnittlich zweieinhalb Stunden täglich mit dem Öffnen von irgendwelchen Smart-Apps, um nachzuschauen, ob wir noch wichtig sind. Ich weiß nicht, ob es Tätigkeiten gibt, bei denen das Handy nicht interessanter ist als die jeweilige Tätigkeit. Sogar – aber gut, lassen wir das. Wir können ja nichts dafür. Unser Smartphone wirkt auf uns eben wie Heroin auf süchtige Laborratten. Wir können nicht nicht zugreifen. Blöd nur, dass man nie weiß, was man kriegt. Einen Anruf aus Hollywood oder einen vom Chef. Drei von vier Jugendlichen zeigen schon Burn-out-Symptome, noch bevor sie je einen Fuß in ein Konferenzzimmer gesetzt oder ein „Morgen in der Früh brauche ich die neuen Zahlen!“ von jemandem gehört haben.

Das Smartphone stresst einen angeblich sogar, wenn es nur am Tisch liegt. Es gibt natürlich auch andere Dinge, die einen stressen, wenn sie nur am Tisch liegen. Der Einkommenssteuerbescheid zum Beispiel. Oder die Handyrechnung, nachdem wir ein paar Wochen in Kalifornien mit dem Smartphone Restaurants gesucht haben. Aber natürlich nicht so, als wenn wir das Smartphone dann dort liegen gelassen hätten. Die meisten Menschen fürchten den Verlust des Smartphones mehr als einen Terroranschlag. Wenn das Smartphone ein Ehepartner wäre, gingen wir zur Paartherapie. Dabei würde herauskommen, dass wir am Stockholm-Syndrom leiden. Die Therapeutin würde uns eine Rosskur empfehlen: rausschmeißen! Oder zumindest Trennung von Tisch und Bett.

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