Mein Neidgefühl wächst

Manche Leute neiden einem sogar die Krankheiten!

(c) Carolina Frank

Meine Freundin Lena erzählt, dass der Hautarzt vor ein paar Wochen so etwas Kleines, total Harmloses an ihr entfernt hat. Aber die Sonne ist jetzt leider tabu. Sie schlägt ihre bleichen Beine übereinander. „Oje, das tut mir total leid!", rufe ich und schau ihr besorgt in die Augen. Aber sie winkt ab. „Nein, nein, es ist nicht so schlimm!" Die Kellnerin stellt ein großes Soda-Zitron vor ihr ab. „Ich muss zum Beispiel jetzt nach der Arbeit nicht mehr unbedingt ins Schwimmbad gehen, um noch schnell zwei Stunden zu bräunen!" Sie verzieht das Gesicht. „Sondern ich setz mich gemütlich mit dir in einen schattigen Schanigarten." Sie lächelt und nimmt einen großen Schluck von ihrem Soda-Zitron. „Und am Wochenende brauch ich mich am See nicht mehr neben all die pubertierenden Kids zu quetschen." Sie verdreht die Augen.

„Stattdessen geh ich im schattigen Netflix spazieren!" Bei mir regt sich ein winziges Neidgefühl. „Außerdem glaubst du gar nicht, wie viel Zeit ich plötzlich habe, ohne das dauernde Zehennägel-Lackieren, Bikinizone-Wachsen . . ." Mein Neidgefühl wächst. „Und das Beste ist", Lena beugt sich verschwörerisch vor, „ich kann jetzt leider, leider am Wochenende nicht mehr mit dem Karli mountainbiken! Weil wie willst du auf dem Weg zum Großglockner der direkten Sonneneinstrahlung ausweichen!?" Sie grinst breit, und mein Neidgefühl nimmt todsündengroße Ausmaße an. „Aber dann verbringt ihr ja viel zu wenig Zeit miteinander!", wende ich scheinheilig ein. Lena schaut mich groß an. „Ich meine, äh, du musst dann ja am Wochenende manchmal allein etwas unternehmen!" „Ganz genau!" Sie grinst noch breiter. „Kannst du mir vielleicht die Adresse von deinem Hautarzt geben?" Manche Leute neiden einem sogar die Krankheiten!

Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Mein Neidgefühl wächst

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.