Insta-Famous: Barbies Doppelleben zum Sechziger

Künstlichkeit als Kernkompetenz: Barbie vervielfacht als Sechzigjährige ihre Auftritte in sozialen Medien. Ist das das Geheimnis ewiger Jugend, frei nach Dorian Gray?

New York in Rosa: Barbies 60. Geburtstag
New York in Rosa: Barbies 60. Geburtstag
Barbie vor dem zu ihrem Geburtstag rosa gefärbten Empire State Building. – instagram.com/barbiestyle

Vielleicht ist das ja das Geheimnis der ewigen Jugend - und zwar auch dann, wenn man zur Gänze aus schwer verrottbarem Material besteht und darum über die Frage nach "plastic surgery"-Plänen nur milde lächeln kann: Die Selbstvervielfältigung und virtuelle Persönlichkeitsspaltung. Barbara Millicent Roberts, im Allgemeinen besser bekannt als Barbie, setzt jedenfalls auf diese Strategie, um in sozialen Medien jedem ansatzweisen Alterungsprozess den Garaus zu machen.

Am 9. März feierte Barbie, trotz zwischendurch schwächelnder Umsatzzahlen weiterhin und vor allem auf ihre Gesamtverweildauer in Spielzeugregalen gerechnet ein Kassenschlager für den Spielzeugkonzern Mattel, nun also ihren 60. Geburtstag: Das Ganze natürlich völlig barbiegerecht mit einer "Pop-Up-Experience" in New York und einem in ihrer Lieblingsfarbe beleuchteten Empire State Building. Die Torte, die man Barbie überreichte, ist vielleicht nicht jedermanns Sache: Aber auch mit ihrer in den letzten Jahren nicht mehr völlig lebensfernen Körperform achtet die rüstige Blondine offenbar auf ihre Linie und ergötzt sich wahrscheinlich eher visuell denn de facto gustierend an ihrer mit giftfarbenen Plastikkügelchen gefüllten Überraschungstorte.

Nun hat unlängst sogar die englische Königin zum ersten Mal ein Instagram-Experiment gestartet: Die um 32 Jahre jüngere Barbie lässt sich als Social-Media-Person selbstverständlich ebenfalls nicht lumpen (Künstlichkeit ist schließlich eine ihrer Kernkompetenzen) und betreibt gleich zwei Instagram-Profile, ergänzt um einen Youtube-Auftritt als professionelle Vloggerin. Wenn schon Luxusmarken auf solchen Kanälen um eine jüngere Klientel buhlen, dann versteht sich von selbst, dass Barbie, deren Fans von Rechts wegen soziale Medien wohl oft noch gar nicht selbst nutzen dürften, sich hier unbedingt von ihrer besten Seite zeigen muss. (Mit 13 darf man etwa Instagram oder Facebook zu nutzen beginnen: Ein Alter, in dem man Barbie wahrscheinlich schön langsam einmottet?)

Im Allgemeinen sehen Sechzigjährige heute zwar ganz anders und um vieles jugendlicher aus als wohl die meisten ihres Alters in Barbies Geburtsjahr, 1959. Weder auf @barbiestyle noch auf @barbie - dies die beiden offiziellen Instagram-Profile - ist der verdächtig rüstigen Amerikanerin aber ihr Alter auch nur ansatzweise anzusehen. Um die 200 Berufe übte sie in ihrem Leben bislang aus, und als erste Frau, ja als erster "Mensch" überhaupt betrat sie 1965 den Mond: Nun darf sie sich also auch Social-Media-Expertin und mit 1,3 respektive 2 Millionen Followers getrost auch Influencerin nennen.

Es ist bezeichnend für Barbies verdoppelten (oder gespaltenen, wie man möchte) Insta-Auftritt, dass sie als "Barbie Style" mehr Follower anspricht als als bloße "Barbie": Instagram ist eine mode- und lifestyleaffine Plattform, und hier kann Barbie aus dem vollen ihrer Lebensgeschichte schöpfen. Auch sie reihte sich etwa unlängst unter diejenigen, die des Todes von Karl Lagerfeld mit einem in sozialen Medien deponierten "Selfie mit Karl" gedenken konnten. Auch in puncto Fast-Fashion-Kooperationen war Barbie eine Pionierin: 1985, in demselben Jahr als erstmals eine CEO-Barbie vorgestellt wurde und das Konto entsprechend gut gefüllt war, wandte sie sich erstmals an einen berühmten Designer und bat ihn, ihre Garderobe zu befüllen. Oscar de la Renta wurde damals in Kinderzimmern rund um die Welt plötzlich zum vertrauten Namen.

1985: Barbies erste Mode-Kooperation mit Oscar de la Renta.
1985: Barbies erste Mode-Kooperation mit Oscar de la Renta.
1985: Barbies erste Mode-Kooperation mit Oscar de la Renta. – instagram.com/barbie

Allein wegen des Datums von ihrem Geburtstag und wegen der vielen, bereits erwähnten Berufe, die Barbie zeitlebens (zumeist für eher kurze Zeit) ausübte, stellt sich unweigerlich die Frage, wie sie zu Frauenfragen, Feminismus oder, passender, "Female Empowerment" steht. Dass sie weiland just einen Tag nach dem Internationalen Frauentag das Licht einer Messehalle erblickte, war wohl eher dem Spielzeugmessenkalender geschuldet als einem frühen feministischen Engagement von Barbie-Erfinderin Ruth Handler.

Ermächtigt und selbstbestimmt das Wort ergreifen kann Barbie aber, technologischen Errungenschaften sei dank, in ihrem eigenen Youtube-Channel als Video-Bloggerin oder Vloggerin: Während sie auf Instagram weitgehend als die vertraute Plastikpuppe mit primär auf das Äußere beschränkten Agenden in Erscheinung tritt, hat sie auf Youtube die nächste Dimension der Beweglichkeit erreicht, als Zeichentrickfigur. In diesem Kanal wendet sie sich eindeutig an ein Publikum jener Altersgruppe, die sich noch aktiv für den Erwerb einer Puppe interessiert.

Barbie auf Youtube: Pro-Empowerment. – Youtube

Auch sie selbst ist in diesem Umfeld wohl eher ein Late-Teenager als jemand, der alt genug ist, um schon die nötige Karriere für das Erreichen eines CEO- oder Astronautinnenstatus absolviert zu haben. Unlängst, kurz vor ihrem auf Youtube nicht groß zelebrierten Sechzigers, doch anlässlich des Internationalen Frauentages, berichtete Barbie davon, wie sie bei einem Ideenfindungsmeeting wiederholt übergangen wurde und Ken an ihrer Stelle mit denselben Stellungnahmen mehr Gehör bekam (das war mit Ken abgesprochen, er würde sich selbstverständlich niemals einen solchen Vertrauensbruch erlauben!).

Auch wenn Barbie äußerst geschickt auf den vielen Registern spielt, ist es halt irgendwie doch schwierig, wenn man als Puppe und Role-Model in die Jahre kommt und seinen Facettenreichtum derart aufteilen muss. Aber vielleicht ist das Ganze ja bloß als gefinkelte Mathematikaufgabe zu verstehen: Barbies reales Alter = @barbie + @barbiestyle + Youtube-Barbie. Stellt sich freilich die bange Frage: Was wäre bloß aus ihr geworden, wenn es keine sozialen Medien gäbe? Dorian Grays runzliges Porträtgesicht lässt grüßen ...

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