Unfreiwillig ironisch: So „lustig“ kann Instagram sein

Mit dem Account „Awkward Anführungszeichen“ delektiert Hans Rusinek derzeit jene Instagram-Nutzer, die sich von der Plattform mehr erwarten als Selfies, Kussmund-Schnuten und Dauerwerbung.

Verwirrspiel auf Instagram: Soll hier nun aufgepasst werden oder nicht?
Verwirrspiel auf Instagram: Soll hier nun aufgepasst werden oder nicht?
Verwirrspiel auf Instagram: Soll hier nun aufgepasst werden oder nicht? – instagram.com/oede.institut, instagram.com/awkward_anfuehrungszeichen

„Jeder sollte etwas sammeln", lautete die Erkenntnis nach einem Abend, den Hans Rusinek mit einem Freund, seines Zeichens passionierter Sammler von Schnapsgläsern (welche im Lauf besagter Stunden wohl wiederholt gefüllt und geleert worden waren), verbracht hatte. Das war vor etwas mehr als einem Jahr, und aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen erkor Rusinek, der unter anderem als Journalist tätig ist und zwischen Berlin und Hamburg pendelt, falsch gesetzte Anführungszeichen als Gegenstand seiner selbst verordneten Sammelleidenschaft aus.

Er ging also zunächst selbst auf die Jagd nach den Satzzeichen, die in ihrer Falsch-Gesetztheit meist unfreiwillig komisch, da an absurden Stellen Ironie implizierend, wirken. Auch Freunde und Bekannte wurden informiert, sodass Rusinek bald fotografische Fundstücke aus dem näheren und ferneren Ausland zukamen. Aus Wien etwa findet sich der Hinweis auf „frisch“ zubereitete Speisen in einem Restaurant auf dem Account @awkward_anfuehrungszeichen, was hungrige Passanten ebenso misstrauisch stimmen sollte wie die Bewerbung von Freilandeiern, gelegt von „Hühnern“ - wie glücklich auch immer diese Wesen nun sein mögen. 

Rusinek, der etwa als Beiträger eines werbefreien Independent-Magazins tätig ist, sagt: „Manchmal nehmen diese Anführungszeichen ungewollt eine Werbebotschaft aufs Korn, was natürlich gar nicht die Absicht der Urheber ist.“ Dass es ihm mit seinem vor wenigen Wochen gestarteten Account gelingen könnte, den allgegenwärtigen Werbecharakter von Instagram zu unterlaufen, ist ebenfalls ein Pluspunkt: „Anfang des Jahres wollte ich mich schon von Instagram verabschieden. Wenn es mir mit @awkward_anfuerhungszeichen gelingt, manchen Influencern Traffic wegzunehmen, finde ich das gut.“

Wie positiv die Reaktionen auf seinen Account, im Grunde ein Schaukasten seiner Sammlung, ausfielen, und wie rasch die Anführungszeichen-Fangemeinde anwuchs, das habe ihn denn doch überrascht, meint Hans Rusinek. Er postet einmal täglich, „und dann ist es auch gut“, bemerkt aber selbst, wie leicht sich ein Abhängigkeitsverhältnis zu positivem Feedback in sozialen Medien einstellen kann.

Dass etwa Christian Kracht, einer seiner Lieblingsautoren, oder der SPD-Politiker Kevin Kühnert seinem Account folgen, freut Rusinek: „Meine Follower kommen insgesamt eher aus der Autoren-Verleger-Ecke auf Instagram“, sagt der mit seinen über 11.000 Followers wohl nun als Micro-Influencer geltende Deutsche. Pläne, seinen Account zu monetarisieren, habe er aber nicht, und er hat für die Auswahl infrage kommender Bilder - anders als manche seiner Follower - auch keinen rigorosen Kriterienkatalog.

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Perfektes Foto 🤣 #anführungszeichen #noafd #fckafd #posttruth

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Darum findet sich in dem Account etwa ein Foto von AfD-Politikerin Alice Weidel, die ein im Hintergrund stehendes „Wahrheit“ mit ihren Händen selbst unter Anführungszeichen zu setzen und dadurch ins Gegenteil zu drehen scheint. Oder eben der Screenshot von einem Tweet des US-Präsidenten, der sich gleich selbst unter Anführungszeichen setzt und damit, so gar nicht seiner Persönlichkeit entsprechend, unfreiwillig selbst infrage stellt.

Auf Rusineks eigenes Leben gibt es übrigens - abgesehen von dem großen Zuspruch durch die rasch wachsende Fangemeinde seines Accounts - auch eine spürbare Auswirkung: So habe er zuletzt deutlich häufiger als in der Vergangenheit begonnen, mit seinen Fingern „Luftanführungszeichen“ zu setzen. „Ob ich das früher auch gemacht habe, kann ich nicht sagen, jetzt ist es jedenfalls gerade sehr auffällig - übrigens in meinem ganzen Freundeskreis.“

Es handelt sich bei diesem Rückimport aus dem sozialen Medium freilich allemal um eine sympathischere Verhaltensweise als die unausgesetzte Duckface-Schnute des selfiesüchtigen Influencers gemeinen Schlages.

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