"Speed": Glückssucher in New York

Regisseurin Stephanie Mohr inszeniert „Speed“ in der Josefstadt – ein Stück voller Wut und Überraschungen, mit Sandra Cervik als wilder Frau.

Speed Glueckssucher York
Speed Glueckssucher York
(Teresa Z)

Er ist erfolgreicher Autor, sie Hausfrau – aber an dieser Geschichte stimmt von Anfang an etwas nicht. Nur: Was ist es? Im Theater in der Josefstadt ist ab 21. März „Speed“ von Zach Helm zu sehen. Die Uraufführung 2008 in Paris inszenierte John Malkovich. Der 38-jährige Kalifornier Helm ist auch Drehbuchautor in Hollywood und bereitet derzeit die Neuverfilmung des Fantasy-Epos „Jumanji“ vor. Sandra Cervik spielt in „Speed“ die exzentrische Annie, die, schwer auf Drogen, eine Party sprengt, ihr Mann Jack (Raphael von Bargen), ein erfolgreicher Autor, versucht vergeblich, seine Gefährtin im Zaum zu halten.

Große Liebe, große Plage. „Es ist eine Komödie, eine Tragikomödie und eine Tragödie“ sagt Regisseurin Stephanie Mohr: „Wichtig ist zu wissen, dass die beiden einander lieben. Er versucht, sie am Boden zu halten, sie beflügelt ihn.“ Mohr, 1972 in Genua geboren, in Paris aufgewachsen, seit Langem in Wien lebend, hat über 40 Inszenierungen gemacht, darunter „Die Weberischen“ von Felix Mitterer im Mozartjahr 2006 für die Vereinigten Bühnen Wien, „Ein Monat auf dem Lande“ von Turgenjew oder „Besuch bei dem Vater“ von Roland Schimmelpfennig, beides in der Josefstadt. Als Nächstes wird sie dort im Juni die Uraufführung von Mitterers „Jägerstätter“ – der katholische Landwirt Franz Jägerstätter wurde 1943 von den Nazis wegen Wehrdienstverweigerung hingerichtet – herausbringen. Am Münchner Gärtnerplatztheater inszeniert Mohr mit Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in der nächsten Spielzeit ihre erste Oper. Mohr ist Autodidaktin. Nach der Matura bewarb sie sich bei Claus Peymann am Burgtheater und begann als Assistentin, zunächst bei kleinen Produktionen. Später begleitete sie große Peymann-Inszenierungen wie Goldonis „Der Impresario von Smyrna“, Ibsens „Peer Gynt“, Turrinis „Alpenglühen“ und seine „Schlacht um Wien“. Sie arbeitete aber auch mit Paulus Manker, Tamas Ascher oder Leander Haußmann.

Ist sie die Spezialistin für schwierige Männer? Mohr: „Es hat auf jeden Fall immer ganz gut geklappt. Ascher war nicht schwierig, aber es ist schon richtig: Peymann, Haußmann und Manker sind nicht unbedingt einfach.“ Hat sie festgelegte Konzepte? „Ich arbeite nicht nach einem bestimmten Rezept“, sagt Mohr: „Letztlich handelt man aus dem Bauch und aus dem Kopf heraus. Ich setze mich jeweils mit der Geschichte und der Atmosphäre auseinander. Da taucht man immer in ein neues Universum ein. Das ist das Tolle an dem Beruf.“ Mohr spricht perfekt Französisch. Sie schätzt aber auch das angelsächsische Theater: „Der romantische Geniekult im deutschsprachigen Raum hat etwas, aber in England oder Amerika ist es nicht ein ehrfürchtiges ,Oh, Kunst!‘, sondern ,Kunst. Punktum‘. Das Kreative und das Praktische gehen mehr zusammen, müssen zusammenpassen. Es gibt eine Direktheit und Offenheit, die mir gefallen.“

An der Burg würde sie gern wieder einmal arbeiten: „Das Burgtheater ist so eine Art Mutterschiff, Mutterbauch, ein Walfisch. Es war meine Kinderstube. Wenn ich hinkomme, fühle ich mich aufgehoben, als wäre ich nie weg gewesen.“ Über „Speed“ möchte sie nicht zu viel verraten: „Das Stück spielt in der heutigen Nachfolgegesellschaft der Sechziger- und Siebzigerjahre, der Warhol-Zeit, in New York. Der Text ist gar nicht so leicht ins Deutsche zu übertragen, weil er diese schnelle, schlagfertige, englische Diktion hat. Es gibt tolle Rollen für tolle Schauspieler.“ Vor allem für Sandra Cervik als unberechenbare Annie. Das Drama erinnert ein wenig an Edward Albee, „ist aber nicht so beladen“, an Bernard Marie Koltès, „den mag ich sehr“ und an Simon Stephens: „Kann man so sehen.“ Hat Mohr selbst Erfahrungen mit Drogen? „Nein, ich bin ein Mensch, der gern die Kontrolle hat. Ich möchte nicht, dass etwas anderes mich beherrscht. Aber ich kann mir trotzdem vorstellen, was hier abläuft. Speed sind Amphetamine. Das Medikament wurde Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt und zum Beispiel im Ersten Weltkrieg den Soldaten gegeben. Es steigert das Selbstbewusstsein, die Aggression und die Leistungsfähigkeit, hat aber heftige Nebenwirkungen. Es führt zu Paranoia, zerstörerischen Verhaltensweisen und zu Tunnelblick. Man hat auch das Bedürfnis, seine Meinung zu einem bestimmten Thema herauszuschreien, herauszukotzen.“

Rauer Ton. Zu Beginn sieht der Zuschauer auf Bildschirmen eingeblendete Thesen des Psychologen Carl R. Rogers über Sex. Der Ton ist teils rau. Wie wird das Publikum reagieren? „Ich weiß es nicht“, sagt Mohr. „Ich hoffe, dass sich die Zuschauer auf die Geschichte einlassen und nicht wegen zwei heftigen Worten in Erstarrung verfallen werden. Das Stück spielt eben nicht in einer gutbürgerlichen Gesellschaft, sondern in der New Yorker Kunstszene von heute. Die Welt verändert sich und das Theater zum Glück mit ihr.“ „Speed“ handelt auch vom strapaziösen Leben heute. Mohr: „Annie ist eine schöne Frau und eine verletzliche Seele. Sie glaubt, Schlankheits- und anderen Idealen entsprechen zu müssen.“ Frauen sind lieber schön als klug, Männer können besser sehen als denken, heißt es. „An den meisten Sprüchen ist was dran. Aber ich mag diese Art von Kategorisierungen nicht. Männer sind so, Frauen sind so. Wollen – und sollten – Frauen überhaupt nur wegen der Männer etwas sein? Sicher ist: Wir sind eine Gemeinschaft von Glückssuchenden. Wir leben  in einer Leistungs-, Maschinen- und Flexibilitätsgesellschaft. Es ist schwierig, alles zu haben, das ganze vermeintliche Glück auf Erden. Und es ist fragwürdig, was wir dafür halten.“

TIPP

„Speed“ von Zach Helm. Deutschsprachige Erstaufführung ab 21. 3. in der Josefstadt mit Sandra Cervik, Raphael von Bargen, Musik von Sofa Surfer Wolfgang Schlögl www.josefstadt.org.at

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