Gemeinsam statt einsam

Künstler sind Einzelkämpfer? Nicht immer. Zwar geht es in ihrer Arbeit um individuelle Positionen, aber im Kollektiv sind Entscheidungen nicht mehr nur die Sache eines Einzelnen.

Club Fortuna. Als Kombinationspräparat verstehen sich Julia Rublow, Xenia Lesniewski, Kurdwin Ayub, Sarah Sternat (v. l.).
Club Fortuna. Als Kombinationspräparat verstehen sich Julia Rublow, Xenia Lesniewski, Kurdwin Ayub, Sarah Sternat (v. l.).
Club Fortuna. Als Kombinationspräparat verstehen sich Julia Rublow, Xenia Lesniewski, Kurdwin Ayub, Sarah Sternat (v. l.). – Christine Ebenthal

Club Fortuna. Die Arbeiten von Club Fortuna heißen zum Beispiel "Die Welt", "Defensive" und "Maximale Lust". Es sind Episoden, die an alltägliche Herausforderungen und manchmal Gesellschaftsentwürfe erinnern. Postironisch und humorvoll wie die Selbstbeschreibung: "Club Fortuna ist ein Kombinationspräparat, bestehend aus Kurdwin Ayub, Xenia Lesniewski, Julia Rublow und Sarah Sternat. Das Wirkungsspektrum liegt im Experimentierfeld zwischen Kunst, Gesellschaft und existenziell motivierter Lebenshilfe." Alles begann 2012 mit "Die Welt": "Da ging es um lebensveränderende Ereignisse." Von Malerei bis Performance fügte sich alles zu einer Konstellation, die vom Eingang bis zum Dachboden bis ins gegenüberliegenden Gasthaus reichte.

Die ausgestellten Bilder wurden Teil der Finanzierung eines Langzeitprojekts: "Wir wollen eine Insel kaufen, viele Leute sollen investieren. Jeder ist dann Besitzer, aber niemand soll die Insel je betreten. Man kann zu Hause sitzen und denken: Alles ist gut, es gibt ja noch diesen Ort." Die zitierte Lebenshilfe also, die sich mit Kunst verschränkt. Bei der Biennale di Venezia nahmen sie die Jagd nach VIP-Partys aufs Korn und fragten, wann etwas zu beliebter oder beliebiger Kunst wird. Mit ihrem Venice Service schipperten sie Künstler Heimo Zobernig zur Pavillon-Party. "Wir hatten bei der Eröffnung mehrere Tickets verteilt, aber auf dem Boot waren nur sieben Plätze. Es gab eine lange Schlange, alle wollten auf unser exklusives Boot." Über das kollektive Arbeiten sagen sie: "Es dauert immer sehr lang, bis wir uns einig sind. Aber es führt zu Dingen, die allein nicht möglich wären."

 

HOTEL BUTTERFLY. Die Künstlergruppe ist als Hotelbetrieb aufgestellt und nistet sich in wechselnden  Locations ein. Die Kostüme sind essenzieller Bestandteil der eigenen Inszenierung.
HOTEL BUTTERFLY. Die Künstlergruppe ist als Hotelbetrieb aufgestellt und nistet sich in wechselnden  Locations ein. Die Kostüme sind essenzieller Bestandteil der eigenen Inszenierung.
HOTEL BUTTERFLY. Die Künstlergruppe ist als Hotelbetrieb aufgestellt und nistet sich in wechselnden Locations ein. Die Kostüme sind essenzieller Bestandteil der eigenen Inszenierung. – Christine Ebenthal

Hotel Butterfly. Fiktion? Realität? So genau weiß man das nicht immer, wenn die Belegschaft des Hotels Butterfly erzählt: "Georg Klüver-Pfandtner und ich trafen uns 1983 in Colorado. Wir haben schnell rausgefunden, dass wir uns gut verstehen und einen Businessplan für ein Hotel aufgestellt", erzählt Florian Aschka. Cousine Florence (Aschka), Cousine Gigi (Klüver-Pfandtner), Larissa Kopp, DJ Mila (Maria Szmit), Muniel Muniel, DJ Tiger und Willa Binda (Wilhelm Binder) gehören heute zu der Gruppe, die sich in wechselnden Orten einnistet. In der Kino-Bar Schikaneder hostete man Party-Empfangs-Performanceabende mit von Hotel Butterfly gestellten DJs. Stets in glamourösen Outfits, die von zentraler Bedeutung für das visuelle Vokabular sind.

Chic und Trash, Drag und Romantik und Gastfreundschaft: "In unserem Hotel sind alle willkommen. Kleine Willkommensgesten, wie etwa ein Tablett mit Früchten, sind uns darum sehr wichtig", erklärt man. Beim Musikfestival LegeArtis in Lech sorgte das Hotel, das für einen Abend einer Oligarchensuite öffnete, für einen Bruch mit der Gediegenheit des übrigen Programms. Besuchern wurde "die österreichische Kultur sehr nahegebracht", sie wurden geschmückt, geschminkt, es wurde getanzt und das "Secret Confession Service" bot den Gästen an, pikante Nachrichten diskret weiterzureichen. Das Publikum ist stets gefordert, sich darauf einzulassen. Zu einem Männlichkeitsworkshop lud das Kollektiv in die Wiener Galerie Michaela Stock. Geübt wurden territoriumsmarkierende Gangarten und die stimulierende Massage veganer Würste. Queeres Selbstverständnis als Inhalt von Leben, Kunst und Feier ein flirrendes Gesamtkunstwerk.

 

DIENSTAG ABEND. Seit 2009 arbeiten Fernando Mesquita (ganz links) und Ludwig Kittinger (ganz rechts) zusammen. Später stießen Ana de Almeida, Sophie Thun, Dorota Walentynowicz (nicht im Bild) und Phelim McConigly (v. l.) dazu.
DIENSTAG ABEND. Seit 2009 arbeiten Fernando Mesquita (ganz links) und Ludwig Kittinger (ganz rechts) zusammen. Später stießen Ana de Almeida, Sophie Thun, Dorota Walentynowicz (nicht im Bild) und Phelim McConigly (v. l.) dazu.
DIENSTAG ABEND. Seit 2009 arbeiten Fernando Mesquita (ganz links) und Ludwig Kittinger (ganz rechts) zusammen. Später stießen Ana de Almeida, Sophie Thun, Dorota Walentynowicz (nicht im Bild) und Phelim McConigly (v. l.) dazu. – Christine Ebenthal

Dienstag Abend. Ein paar Jahre lang machten sie jede Woche Programm. "Eine intensive Zeit", sagt Ludwig Kittinger, der gemeinsam mit Fernando Mesquita 2009 im Wiener Off-Space Ve.Sch begann, Ausstellungen, Screenings und andere Kunstprojekte zu organisieren. Jeden Dienstag Abend eben, woraus sich später der Gruppenname ergab. Im Lauf der Zeit schlossen sich mit Ana de Almeida, Sophie Thun, Dorota Walentynowicz und Phelim McConigly weitere Künstler an, aber generell gilt: Wer gerade mitmacht, ist Teil. "Wir sind ein offenes Kollektiv, das mit Situationen arbeitet", erklären sie. Damals schon wurden jede Woche andere Leute eingeladen auszustellen oder den Abend zu gestalten eine Praxis, die das Kollektiv nun punktuell weiterführt. "Wir machen Projekte in verschiedenen Ländern und arbeiten immer mit Menschen aus verschiedenen Bereichen, die dort leben. Es geht um Vertrauen und Freundschaft."

Inhaltlich werden keine spezifischen Themen beackert, was entsteht, muss mit dem Kontext zu tun haben. In Heraklion, Griechenland, war der Bezirk Lakkos, den viele Anwohner aufgrund ökonomischer Verhältnisse verließen, Schauplatz von Dienstag Abend No. 83, bei dem rund 30 Künstlerinnen und Künstler den öffentlichen Raum auf unterschiedliche Weise bespielten. In der Europäischen Kulturhauptstadt 2016, Wroclaw in Polen, baute das Kollektiv eine Bühne unter einer Brücke, mit der Idee, dass die Bewohner der Stadt dort auftreten. Außer zu einem Konzert mit Straßenmusikern kam es allerdings zu keinen Shows, da die Bühne mehrfach zerstört wurde. Was Dienstag Abend aber gelassen nehmen. "Auch eine Form der Teilnahme." 

 

MES MEUFS. Michaela Kisling, Elisa Bergmann, Sophie Hammer (v. l.) verwischen in der Praxis des Ganging Grenzen zwischen Disziplinen.
MES MEUFS. Michaela Kisling, Elisa Bergmann, Sophie Hammer (v. l.) verwischen in der Praxis des Ganging Grenzen zwischen Disziplinen.
MES MEUFS. Michaela Kisling, Elisa Bergmann, Sophie Hammer (v. l.) verwischen in der Praxis des Ganging Grenzen zwischen Disziplinen. – Christine Ebenthal

Meuf ist ein Wort des Verlan, einer französischen Jugendsprache, die Silben vertauscht. Femme wird zu Meuf Elisa Bergmann, Michaela Kisling und Sophie Hammer wurden zu Mes Meufs (Meine Frauen). Von Mai bis Juli 2016 agierten sie im Raum D des Wiener Museumsquartiers nicht nur als Kuratorinnen, sondern auch als Kunsttrio: "Wir haben andere Leute ausgestellt, unsere Einzelpositionen und die gemeinsamen Arbeiten als Mes Meufs. Unser Interesse war dabei auch, andere Frauen kuratieren zu lassen." Mes Meufs nennen das Ganging das Verschwimmen von Kuratieren, Kunstmachen und theoretischem Diskurs in einem kollektiven Setting. "Wir wollen darüber reden, was da passiert und ausgestellt wird. Das funktioniert im Kollektiv gut, weil die eigenen Ansichten immer hinterfragt werden."

Jeden Samstag gab es eine Eröffnung, jeden Sonntag Vorträge und Diskussionen. Zum Auftakt luden die drei zum so betitelten Pillow Talk: Textile Raumteiler, die elektromagnetische Strahlen blockieren, und eine Sitzlandschaft, die zum Verweilen einlud, gestalteten den Raum. Dazu lief das Video einer digitalen Landschaft. Die Umgebung ist oft Fokus der Arbeit. Als sie vom Projekt Mirage, das Ausstellungen in Wohnungen organisiert, eingeladen wurden, setzten Mes Meufs subtile skulpturale Interventionen auch ihre Kleidung war Teil. "Wir tragen bei Vernissagen alle drei ähnliche Outfits, die aber nichts Besonders aussagen. Muss man besonders sein? Kann es nicht um etwas anderes gehen?" In naher Zukunft geht es für die drei jedenfalls um einen entstehenden Katalog und die Suche nach einem neuen Raum.

 

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("Kultur Magazin", 21.10.2016)

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