Christian Frosch: „So etwas kann man sich nicht ausdenken“

Christian Frosch hat den Justizskandal um Franz Murer verfilmt. Ein Gespräch über Täter mit Namen und die Hoffnung, dass es besser wird.

Regie. „Ein Film kostet mich fünf Jahre Lebenszeit“, sagt Christian Frosch („Von jetzt an kein Zurück“).
Regie. „Ein Film kostet mich fünf Jahre Lebenszeit“, sagt Christian Frosch („Von jetzt an kein Zurück“).
Regie. „Ein Film kostet mich fünf Jahre Lebenszeit“, sagt Christian Frosch („Von jetzt an kein Zurück“). – (c) die Presse (Carolina Frank)

Am 19. Juni 1963 ereignete sich in Graz ein veritabler Justizskandal: Franz Murer, einer der Hauptverantwortlichen für den NS-Terror im Ghetto von Vilnius, wurde nach einem zehntägigen Prozess unter Jubel der Bevölkerung freigesprochen. Schon 1948 in Litauen von den Sowjets für seine Verbrechen verurteilt, kam er dank des Staatsvertrags wieder nach Österreich – und reüssierte hier als Bauer und Funktionär, bis Simon Wiesenthal erneut Anklage erhob. Doch das ideologische Klima der Zeit schützte den Steirer. Im Jänner rollte „Rosen für den Mörder“, eine Monografie des Historikers Johannes Sachslehner, den Fall neu auf. Nun hat der niederösterreichische Kinoregisseur Christian Frosch die Gerichtsverhandlung dramatisiert. Sein Film ist ein spannendes und politisch brisantes „Courtroom Drama“ mit kalter Wut im Bauch.

Wann haben Sie zum ersten Mal von Franz Murer gehört?
Christian Frosch: Das ist ungefähr sieben Jahre her. Ich war im Jüdischen Museum von Vilnius. In einer Schautafel zur Geschichte des städtischen Ghettos wurde er als Haupttäter während der Nazizeit genannt. Ich hatte noch nie von Murer gehört, das hat mich überrascht: In Litauen ist er berüchtigter als im eigenen Land. Dann habe ich zu recherchieren begonnen.


Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen?
Ich habe so gut wie alles gelesen, was zu Murer publiziert wurde. Fachliteratur, Forschungsprojekte, Zeitungsartikel. Ich war im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, im Simon-Wiesenthal-Archiv, in Israel und in Yad Vashem. Mir wurde schnell klar, dass ich mich im Film auf die zehn Tage der Hauptverhandlung konzentrieren würde.


Wie viel von dem, was man im Film hört, beruht auf Prozessprotokollen?
In einem österreichischen Gericht gibt es kein wortwörtliches Protokoll, wie man es aus Hollywoodfilmen kennt. Stattdessen hält ein Schriftführer den Inhalt der Aussagen sinngemäß fest. Drehbuch-Ausgangspunkt war also eine kondensierte Zusammenfassung. Was mir beim Schreiben geholfen hat, waren Tonbandaufzeichnungen vom Auschwitz-Prozess, der ein Jahr später stattfand – von dort habe ich den Tonfall und den Sprachduktus der Zeugen in meinem Film übernommen.


Gab es auch Anhaltspunkte außerhalb des Prozesses?
Ich habe einen Dokumentarfilm über das Ghetto in Łódź mitproduziert. Meine Treffen mit Zeitzeugen haben mir beim Schreiben der jüdischen Figuren sehr geholfen. Auf absurde Weise ist einem die Erfahrungswelt eines Franz Murer weniger fremd als die eines Menschen, der in die Mühlen der Shoah geraten ist. Da ist es nämlich unmöglich, auf das Eigene zurückzugreifen.


Die Verteidigung fragt immer wieder nach der Farbe von Murers Uniform, um das Erinnerungsvermögen der Zeugen zu diskreditieren.
So etwas kann man sich gar nicht ausdenken. Beim Lesen denkt man, das kann doch nicht wahr sein: Wir alle wissen, dass unsere Erinnerung nicht wie eine Aufzeichnung funktioniert. Aber ich konnte mich leider auch ein wenig in den Verteidiger hineinfühlen. Er hatte keine relevanten Entlastungszeugen. Alle, die er antanzen ließ, lobten bloß Murers Anständigkeit. Die Zeugen der Gegenseite unglaubwürdig zu machen, war seine einzige Chance. Und das macht man, indem man auf Details herumreitet.


Das Urteil war damals ziemlich knapp.
Im Vergleich zu vielen anderen österreichischen NS-Prozessen der damaligen Zeit, deren Freisprüche viel eindeutiger ausfielen, ist das fast erstaunlich.


Im Film sind am Tag des Freispruchs alle Grazer Blumenläden ausverkauft.
Das ist keine Drehbucherfindung. Murer kam wie ein Filmstar aus dem Gerichtsaal und wurde mit Blumensträußen überhäuft.


Das Schlussplädoyer des Verteidigers in Ihrem Film klingt wie ein Testlauf der rhetorischen Defensivstrategien rund um Waldheim. O-Ton?
Ja, mit zwei, drei Zuspitzungen. Die wirklich heftigen Dinge, die offen antisemitischen Ausfälle, in denen die jüdische Weltverschwörung gegen Österreich an die Wand gemalt wird, sind original.


Der Film ist explizit politisch. Er scheut sich nicht davor, das Kabinett Gorbach oder den damaligen Justizminister Christian Broda mit in die Verantwortung zu nehmen. Ungewöhnlich für zeitgenössisches österreichisches Kino. Hat das zu Schwierigkeiten bei der Förderung geführt?
Sagen wir so: Keine Stelle hat den Film auf den ersten Anlauf gefördert. Aber er hätte für mich überhaupt keinen Sinn gehabt, wenn man die politischen Verstrickungen ausgespart hätte. Ich finde es notwendig, dass man endlich anfängt, Leute zu benennen, das allgemeine Betroffenheitsgeschwafel kann ich nicht mehr hören. Die Täter haben Namen. Man kann sich nicht immer in die österreichische Seele oder irgendwelche Verallgemeinerungen flüchten.


Der Untertitel des Films erinnert an Otto Premingers „Anatomy of a Murder“. Waren klassische „Courtroom Dramas“ Vorbild?
Die wesentliche Frage ist: Wie bringe ich Dynamik in das statische Setting eines Gerichtssaals? Uns war wichtig, dass der Zuschauer die Dinge nicht aus einer sicheren Erzähldistanz vorgeführt bekommt, sondern quasi als Zeuge mittendrin im Geschehen ist. Ich habe mit allen möglichen Tricks gearbeitet, um die Anspannung zu vermitteln, die im Saal geherrscht hat.


Am 13. März – genau 80 Jahre nach dem „Anschluss“ – eröffnet Ihr Film die Diagonale. Sind Sie nervös?
Vor einer Premiere ist man immer nervös. Natürlich gibt es hier durch Ort und Datum eine Zuspitzung – aber ich freue mich auch darauf. Wenn man einen Film wie „Murer“ macht, muss man Lust auf Debatten haben.


Glauben Sie, dass Österreich inzwischen reifer ist, was den Umgang mit der Vergangenheit angeht?
Keine Frage. Die 1950er- und 1960er-Jahre waren diesbezüglich der pure Albtraum. Andererseits sind manche Dinge auch schlimmer geworden. Früher war die Diagnose: Wir sind umgeben von alten Nazis, die noch immer an der Macht sind. Aber sie werden irgendwann wegsterben, und die neue Generation kann Sachen anders machen. Dieser sehr konkrete Optimismus fehlt uns heute. Man hat eher die Befürchtung: Wie schlimm kann es eigentlich noch werden? Es gibt kein politisches Projekt, das einem wirklich Lust auf morgen macht.


Ihr letzter Film, „Von jetzt an kein Zurück“, behandelte den Horror in deutschen Erziehungsheimen der 1960er. Sehen Sie es als Ihre künstlerische Pflicht, Verdrängtes ans Licht zu bringen?
Als Staatsbürger trägt man Verantwortung. Jede öffentliche Äußerung ist eine politische. Was die Rolle des Künstlers angeht, bin ich lieber selbstironisch, ein besonderes Privileg oder eine Pflicht sehe ich da nicht. Aber ein Film kostet mich fünf Jahre Lebenszeit. Daher suche ich mir Themen, die mein Interesse lang halten. Meine Beziehungsschwierigkeiten würden mich als Stoff schnell langweilen.

Tipp

„Murer – Anatomie eines Prozesses“. Der Film über einen der größten Justizskandale Österreichs eröffnet die Diagonale (13. 3.) und läuft ab 16. 3. in den Kinos.

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