Theatermacherinnen: Aus dem Off

Drei Theatermacherinnen sprechen über Themenwahl und Frauenquote. Eine Mobilmachung gegen Klassiker.

Symbolbild Theater
Symbolbild Theater
Symbolbild Theater – (c) APA/Georg Hochmuth (Georg Hochmuth)

Drei Plätze sind schon gefüllt im Zuschauerraum. Das ist für gewöhnliche Vorstellungen zu wenig, für eine Diskussion unter Chefinnen von Off-Bühnen aber gerade recht. Barbara Klein vom „Kosmos Theater“, Eva Langheiter von der „Drachengasse“ und Margit Mezgolich von „Das TAG“ nehmen in der ersten Reihe Platz, um über ihre wichtigste Tätigkeit zu reden: die Festlegung des Spielplans. Schließlich wird von ihnen erwartet, dass sie sich den arrivierten Häusern bewusst entgegenstellen. Zumindest aber, dass sie sich mehr erlauben.
Hamlet ist immer noch ein Pageturner, findet Margit Mezgolich von „Das TAG“: „Das ist Stoff wie aus einem Tarantino-Drehbuch.“ Das Theater führt jedes Jahr eine Klassikerüberschreibung auf. Dabei werden Figuren und Tableau ins Heute übertragen, aber so, dass sie noch Sinn ergeben. In „Hamlet Sein“ werde ein allzu menschliches Thema in die Moderne geführt, das zeitlos berühre. Während Text und Sprache neu sind, wird die Abfolge der Szenen genau eingehalten. „Was wir heute als Klassiker kennen, sind die Highlights, die nach Jahrhunderten übrig geblieben sind“, erklärt Eva Langheiter von der „Drachengasse“. Das Substrat aus Shakespeares Machtgeschichten sei auch heute noch interessant.

Gefährliche Frauenbilder. Barbara Klein vom „Kosmos Theater“ hingegen findet die Frauenrolle in Klassikern problematisch. „Klassiker setzen die Frau so gut wie immer an den Rand der Geschichte. Sie sterben, werden wahnsinnig oder bringen sich um. Sind die Frauen einmal stark, folgt die Strafe sofort: Sie scheitern“. Klein hält diese Muster für gefährlich. Das Problem sei, dass diese Frauenbilder auch im Kontext der heutigen Zeit als normal dargestellt würden und man sie nicht hinterfrage. Eva Langheiter sieht es nicht als ihre Aufgabe, Klassiker neu zu interpretieren. „Aber die, die es tun, müssen diese Mängel, diese Dominanz hinterfragen.“

Das ist schwierig, sagt Klein, denn bei dieser über die Jahrhunderte geronnenen Doktrin gebe es keinen Interpretationsspielraum. „Man kann ja keinen Hamlet ohne eine Ophelia oder mit einer emanzipierten Ophelia spielen. Wenn ich mir den Kanon ansehe, wie die Jungs um die Klassiker buhlen, sich die Regisseure miteinander messen wollen, ohne je die Inhalte zu hinterfragen. Da sind sich alle einig: Die Welt gehört den Jungs.“ Auch sei der Aufbau der Klassiker durchzogen von patriarchalen Elementen. Klein: „Exposition, Konflikt, Klimax, Auflösung. Das ist doch der männliche Sexualakt schlechthin.“ Es gebe auch andere Formen der Dramaturgie.
Mezgolich versucht zum Beispiel, den veralteten Frauenbildern durch Humor und groteske Übertreibung zu trotzen. „In ,Hamlet Sein‘ sehen wir alle Figuren durch die gleiche Brille, alle haben Dreck am Stecken. Die Geschichte funktioniert durch ihren Unterhaltungswert, da dringt man gar nicht so tief vor, dass man sich ärgern könnte. Die Figuren werden auf eine künstliche Ebene gehoben, das Genderthema rückt in den Hintergrund. Insofern ist das für mich in Ordnung.“ Trotzdem, da sind sich alle einig, gilt es diese Frauenbilder zu überprüfen.

Es muss nicht immer Kleist sein. „Zeitstücke sollen zum Nachdenken anregen. Sie setzen dort an, wo wir leiden und grübeln. Das kann der Klassiker nicht“, sagt Langheiter. Zeitstücke haben den Klassikern etwas voraus: Sie greifen Themen auf, die uns heute beschäftigen: Familie, Arbeit, Jugend und Alter, Medien und Beziehungsstrukturen. „Sie erzählen von uns, halten uns den Spiegel vor. Das ist das Tolle daran“, erklärt Mezgolich. „Das TAG“ begibt sich jede Saison auf die Suche nach relevanten Themen, um daraus in Zusammenarbeit mit international renommierten Theatermachern neue Zeitstücke zu entwickeln. Das Thema Gender steht dabei nicht im Vordergrund, es geht um gesellschaftspolitisch relevante Themen. Oft sind Medien, die Einfluss auf unsere Beziehungen nehmen, ein zentrales Thema. Die Themenfindung ist ein langer Prozess. „Das ist nichts Starres. Ich werde nicht auf Google oder Wikipedia nachsehen, was 2013 angesagt sein wird. Und nur, weil Kleist Geburtstag hat, heißt das nicht, dass wir alle etwas über ihn machen müssen“, betont Mezgolich. „Manche Themen drängen sich einfach auf, die liegen in der Luft“, meint Langheiter. Wenn sich das, was machbar ist, mit dem, was das Publikum sehen will, deckt, ist ein interessantes Thema gefunden.

Schwerpunkte finden, Männerdomänen erobern. Es ist wichtig, den Zeitgeist zu erwischen. Regisseurinnen könnten dem „Kosmos“ ihre Stücke vorschlagen, manchmal muss das richtige Stück aber erst erarbeitet werden. Dieses entsteht mit großen Materialsammlungen, der Regie und den Schauspielern. In der „Drachengasse“ ist es ähnlich. Das Theater hat gute Kontakte zu den Verlagen. Langheiter teilt ihnen den Schwerpunkt für das Jahr mit und fragt, ob sie etwas anbieten können. „Das TAG“ entwickelt seine Produktionen selbst, die Stücke werden mit den Regisseuren und Autoren erarbeitet. „Wir starten immer mit einem leeren Blatt Papier“, sagt Mezgolich. Auch Romane oder Texte werden, teilweise von den Autoren selbst, inszeniert. Manche Stücke entstehen auch aus den Schauspielern heraus.
Das „Kosmos“ spielt fast ausschließlich Stücke von Autorinnen, bei den beiden anderen Theaterhäusern ist es gemischt. Das Publikum besteht zu einem Großteil aus Frauen, nur im „Das TAG“ scheint es ausgeglichen zu sein („vielleicht locken die freizügigen Plakate?“, mutmaßt Mezgolich augenzwinkernd). Männergruppen ohne weibliche Begleitung wurden bislang in keinem der Häuser gesichtet. Liegt das an den Themen? Für Klein gibt es keine Frauenthemen. „Das sind alles Themen für Männer und Frauen, nur eben aus weiblicher Sicht“, sagt sie.
Insgesamt würden etwa neun von zehn Zeitstücken von Männern geschrieben. „Die Theaterwelt ist über weite Strecken männlich dominiert“, erläutert Langheiter. Bei den Eigenproduktionen kommt die „Drachengasse“ etwa auf halbe-halbe, die Gastproduktionen sind von Frauen dominiert. „Aber in den normalen Theaterbereich kommen Frauen ganz schwer hinein“, sagt Langheiter. Mit der Produktion von Zeitstücken ist nicht viel Geld zu machen. Für die Schreibenden ist es schwierig, weil die Stücke nur einmal aufgeführt werden. Selbst wenn das Stück wundervolle Kritiken bekommt, wird es nicht nachgespielt. Bei den Uraufführungen bekommen die Autorinnen einmal ein bisschen Geld, oft bleibt ihnen nicht mehr als 800 Euro. „Wer soll das machen und warum?“, fragt Klein. Schriftstellerisch begabte Frauen kämen gar nicht auf die Idee, für das Theater zu schreiben. „Ich finde, dass zehn bis 15 Prozent des Geldes für Zeitstücke ausgegeben werden sollten“, sagt Klein. „Dann würden auch die Autorinnen kommen.“

TIPPS

„Hamlet Sein – Sie bringen sich bloß um“, ab 10.  März im Das TAG.

„Eigentlich sollte ich fünf Mal am Tag“, 27., 28., 29. März, weitere Termine unter www.dastag.at.

„Sehr geehrter Zuschauerraum“, 8.–24. März, Kosmos Theater. www.kosmostheater.at

„Donnas Traum. Ein gieriges Musiktheater“, 5.–31. März im Theater Drachengasse. www.drachengasse.at

„Verklärte Nacht“, 10. 3. und 14. 3., Stadttheater Walfischgasse. Weitere Termine: www.stadttheater.org

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