Nachzügler

Das Mittagessen beginnt eigentlich ganz harmlos.

Florian Asamer
Florian Asamer
Florian Asamer – Die Presse Schaufenster

Der Älteste ist zu Besuch, wir sind also wieder einmal zu fünft, was inzwischen für alle etwas Besonderes ist, dementsprechend ist auch die Stimmung. Doch als der Jüngste sich zum vierten Mal Eis nimmt, obwohl ich schon nach der zweiten Riesenportion gesagt habe, es ist dann aber langsam einmal genug, und ich ihn beim unbekümmerten Nachnehmen trotzdem nur freundlich anlächle, finden wir uns unversehens in einer Debatte darüber wieder, ob wir Eltern strenger waren, als die Großen noch klein waren, als nun mit dem Nachzügler. Und (natürlich), ob das nicht unfair ist? Dem Mittleren fällt sofort ein Beispiel ein. Früher in Italien durfte er in der Pizzeria nie Grissini essen, bevor sein Essen kam (er sagt, weil das angeblich extra Geld gekostet hätte, wir wissen, es ging darum, dass er dann sein eigentliches Essen stehen gelassen hätte), neulich an der Adria sei ihm aber aufgefallen, dass ich dem Jüngsten Grissini sogar aktiv angeboten hätte.

Kurzum: Die Älteren waren sich schnell einig, der Nachzügler habe es viel besser, weil alle und alles nun viel relaxter ist und jeder zum Jüngsten nur urnett ist und überhaupt. Während wir ein wenig betreten schauen und überlegen, ob das so stimmt, meldet sich der Jüngste, der bisher nur zugehört hat, und sagt in Richtung seiner Brüder: „Das stimmt nicht, ihr seid oft urgemein zu mir, immer stör ich euch nur, ich darf nie in eure Zimmer und ihr schickt mich immer weg.“ Nun sind es die Brüder, die betreten schauen. Wir haben uns dann alle noch einmal Eis genommen, worauf die Stimmung schlagartig wieder besser geworden ist. Und es stimmt schon, es hat sich sicher viel geändert in all den Jahren, nur das mit dem Eis hat schon immer funktioniert.

 

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