Randerscheinung: Wahlplakate

Weil sich alles ständig ändert, fallen jene Dinge besonders auf, die wie aus Bestemm trotzig gleich bleiben.

Florian Asamer
Florian Asamer
Florian Asamer – Die Presse Schaufenster

Der Sicherheitsgurt im Auto zum Beispiel schaut noch genau so aus, wie er immer ausgeschaut hat. Während sonst jede Schraube im Fahrzeug getauscht, weiterentwickelt und optimiert wurde, hängt der Gurt wie ein Überbleibsel aus der Vergangenheit neben dem Sitz: schmucklos schwarz, beim Einrasten im Orangen macht es „klack“. Noch mehr retro ist der Gurt in Flugzeugen. Oder Steckdosen. Passivhäuser gibt es inzwischen, die man weder heizen noch lüften muss, aber wenn man eine Lampe braucht, hat die ein Kabel und das steckt man in eine Steckdose in die Wand. Weiß, drei Löcher, zwei Klammern. Unverändert. Und so ist es auch mit Wahlplakaten.

Lauter Männer im Anzug (Frauen ganz selten, meist nur im Hintergrund zum Kandidaten aufschauend), erschreckend groß, viel zu nah aufgenommen (nein, man will die Poren nicht sehen) und umgeben von sperrigen Hauptworten in Balkenlettern: Zukunft, Verantwortung, Zeit, Fairness und so Zeug. Wen das alles ansprechen soll, also immerhin gleich so sehr, dass man jemandem für fünf Jahre Vertrauen (auch so ein Plakatwort) und Stimme schenkt, weiß niemand so recht. Der Jüngste, der angeschnallt (!) neben mir im Auto sitzt, findet jedenfalls, die Männer schauen so streng aus auf diesen Plakaten. Der Kanzler sei grimmig und faltig. Und überhaupt sind alle uralt (gut, er findet jeden alt, der älter als 18 Jahre ist). Ich sage, aber der Kanzler ist nicht alt, und der andere ist überhaupt nur zehn Jahre älter als sein Bruder. „Ja, der ist noch nicht so alt, aber der hat so ein langes Gesicht, so lange Ohren und so eine lange Nase.“ Die Kandidaten haben Glück: Er ist noch nicht wahlberechtigt. Das zumindest wird sich ändern.

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