Randerscheinung: Noten

Der Jüngste ist also mit seinem Zeugnis unzufrieden. Wie kann er das schon wissen, werden Sie nun zu Recht fragen?

Freitag in der Früh hat ja noch nicht einmal die erste Semesterferientranche im Osten ihre Schulnachrichten bekommen. Das stimmt schon. Aber erstens weiß man in der zweiten Volksschulklasse meistens schon, worauf es am Ende hinauslaufen wird. Und zweitens geht es dem Buben nicht um seine Noten. Sondern um Noten an sich. Er will nämlich keine Smiley durchwirkte Verbalbeurteilung mehr, sondern schlichte 1er, 2er, 3er, 4er und 5er, wie er das von seinem großen Bruder kennt. Ein richtiges Zeugnis also. „Und warum bitte?“, frage ich ein bisserl entsetzt. Denn die liebevolle Beurteilung, die etwa das Fach Deutsch in zehn Unterpunkte zerlegt (von kurze Texte schreiben über Vorlesen, Ansage bis zur Mitarbeit) und mit dem Kind Punkt für Punkt durchbesprochen wird, bedarf so viel mehr Auseinandersetzung und bringt so viel mehr Rückmeldung als ein bloße Zahl pro Fach.

„Das ist irgendwie ernster“, meint der bald Achtjährige. „Ja, das ist ernster“, gebe ich ihm Recht, „vor allem für die Kinder, die sich eh schon plagen.“ Und dann male ich ihm aus, wie blöd und ungerecht das ist, wenn man, nicht so wie er, nach der Schule die Aufgabe schnell hinter sich hat und tun kann, worauf man Lust hat, sondern statt zu spielen weiterlernen muss, obwohl das eh schon schwer fällt. Und als Belohnung für diese Mühe dann auch noch eine schlechtere Note bekommt. „Wie soll man da Lust aufs Lernen bekommen?“, frage ich. „Aber wenn man einen 3er hat in echt, nützt es ja nichts, wenn man etwas Anderes hinschreibt“, sagt er ungerührt. Also im Fach Rücksicht auf die anderen kriegt er von mir einen traurigen Smiley. Ein Glück für ihn, dass er noch keine Noten hat.

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