Randerscheinung: Schlechtes Gewissen

Bei uns zu Hause steht die Büchse der Edith Klinger.

(c) Carolina Frank

Man muss es so deutlich sagen: Die Büchse der Edith Klinger steht bei uns zu Hause und ist sperrangelweit offen. Will heißen, seit mein Nein zum Hund um eine Spur weniger kategorisch geklungen hat als üblich (ich war müde, unvorsichtig, sentimental), arbeitet der Jüngste mit zuckersüßer Hartnäckigkeit an seinem Ziel, endlich doch noch einen Hund zu bekommen. Einer seiner Tricks dabei: Er debattiert überhaupt nicht mehr das Ob, sondern nur mehr das Was und vor allem das Wann. Nachdem nämlich, um Luft aus der Sache zu bekommen, der Sommer als frühestmöglicher Termin genannt wurde, hätte er den Hund nun lieber schon zu Ostern. Also gleich. Was ich zum Anlass nehme, um ihn beim Frühstück (das Frühstück ist ideal, um solche Dinge zu besprechen) an etwas ganz Wesentliches in der Hundedebatte zu erinnern: "Du weißt aber schon, dass wir nur gesagt haben, wir denken noch einmal drüber nach, ob wir vielleicht doch einen Hund bekommen können."

"Ja, wieso?", fragt er ganz ruhig zurück und schaufelt die nächste Ladung Cornflakes in sich hinein. "Weil beim Nachdenken auch ein Nein herauskommen kann", sage ich vorsichtig. "Aber noch ist ja kein Nein herausgekommen", sagt er unbeirrt. "Mir wäre es ja nur lieber, du stellst dich auf die Möglichkeit ein, dass ein Nein herauskommt, bevor du am Ende zu enttäuscht bist." Der Jüngste überlegt kurz, schluckt runter und sagt dann: "Wenn ich mich aber darauf einstelle, vielleicht enttäuscht zu werden, bin ich jetzt schon enttäuscht. Und sehr traurig." Ich weiß nicht, ob es auf YouTube eine Anleitung gibt, wie man Eltern ein schlechtes Gewissen macht, oder ob das zur genetischen Grundausstattung der Heranwachsenden gehört. Ich höre es jedenfalls schon bellen.

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