Aron Stiehl: „Die Musik ist wie eine Droge“

An der Volksoper feiert Wagners „Fliegender Holländer" Premiere. Aron Stiehl führt Regie.

Meer. Seit 1936 war der „Holländer“ nicht am Haus zu sehen. Jetzt ­ohne Schiff, aber mit viel Meer.
Meer. Seit 1936 war der „Holländer“ nicht am Haus zu sehen. Jetzt ­ohne Schiff, aber mit viel Meer.
Meer. Seit 1936 war der „Holländer“ nicht am Haus zu sehen. Jetzt ­ohne Schiff, aber mit viel Meer. – (c) die Presse (Carolina Frank)

Gibt es ein Schiff oder gibt es kein Schiff? Das ist die Gretchenfrage, wenn es um das Bühnenbild des „Fliegenden Holländers" geht. „Es gibt kein Schiff", sagt Aron Stiehl, der für die Wiener Volksoper Wagners Jugendwerk inszeniert. „Aber es gibt das Meer. Die Bühne könnte das Innere eines Schiffes sein." Der deutsche Regisseur, der sein Debüt an der Volksoper 2017 mit Alfredo Catalanis „La Wally" gefeiert hat, setzt mehr auf Seelenräume als auf Realismus. Denn Mädchen, die im Spinnchor singen und Senta auslachen – das passe nicht in die heutige Zeit. Die zugrunde liegenden Themen freilich schon: „Alles, was im Ring thematisiert wird, gibt es im ,Holländer‘ schon. Und das sind existenzielle Fragen: Was bedeutet Liebe, was Tod, was Erlösung? Im ,Holländer‘ haben zwei Menschen begriffen, dass es Wichtigeres gibt als Geld und Macht. Dadurch werden sie zu Außenseitern der Gesellschaft", sagt Stiehl.

In einer Zeit, in der Konsum über allem steht, gebe es eine Sehnsucht nach Transzendenz. Und die Romantik bedient diese Sehnsucht. „Das Leben hat Tag- und Nachtseiten, die gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Der Mensch maßt sich an, alles lösen oder verstehen zu können, das stimmt aber nicht. Für die Romantiker sind die Geheimnisse in der Welt viel wichtiger als das Offenbare, Rationale", erklärt der Regisseur. In seiner Produktion hat das Meer eine zentrale Rolle: Es steht für Transzendenz, Ruhe, Ausgeglichenheit, Unendlichkeit, Selbstvergessenheit. Das Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann stellt die Seelenräume als Labyrinthe dar, in die die Menschen eingeschlossen sind. „In den entscheidenden Momenten öffnen sie sich und man sieht das Meer. Das Bühnenbild wird durchlässig, die Menschen sind verbunden, aus der Weltimmanenz geht es dann ins große Ganze."

Nicht zu weit hinausfahren. Das Meer steht also auch für den Tod, der für Stiehl aber nichts Negatives ist. „Liebe, Tod und Erlösung gehören in der Romantik zusammen." Heute würde der Tod aus der Gesellschaft verdrängt. „Die Leute werden so oberflächlich, dass wichtige Fragen vergessen werden. Alte Leute kommen ins Heim oder ins Hospiz, weil die Gesellschaft das Leiden nicht mehr sehen will." Der Regisseur hat die Erfahrung selbst gemacht. „Ich hatte einen alten Hund, der bekam Arthrose und konnte nicht mehr gehen. Dann habe ich ihn halt im Kinderwagen gefahren. Das haben nicht alle verstanden . . ."

Der Nachfolger des mittlerweile verstorbenen Cockerspaniels ist meist dabei. Nicht bei den Bühnenproben, aber auf der Probebühne. Der junge Moses ist noch sehr verspielt, aber gut erzogen. „Er erdet mich. Und auch die Musiker und Sänger. Die Stimmung ist dann entspannter, der Chor ist gelöster." Das Erden ist für den Regisseur ganz wichtig, gerade wenn er Wagner inszeniert. „Die Musik ist wie eine Droge. Man darf sie nur in Dosen genießen. Ich höre abends Bach oder Mozart, das ist eine gesunde Musik mit einer Form. Wagner schafft es, die Form aufzulösen, da wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen. Wagners Kunst packt einen. Die Ballade von Senta oder der Monolog vom Holländer – da haben schon Sänger zu weinen begonnen. Da muss man schauen, dass man wieder zum Licht zurückkehrt. Man hat sein Schiff und fährt damit hinaus aufs Meer, darf aber nicht zu weit fahren, sonst endet man wie Nietzsche und wird wahnsinnig."

Die Kostüme von Franziska Jacobsen sind vorsichtig an die 1950er-Jahre angelehnt. Die Enge, Intoleranz und Spießigkeit dieser Zeit soll damit auf die Bühne gebracht werden. „Durch diese Strenge ist viel an Gefühl auf der Strecke geblieben", meint Stiehl. Für den Regisseur ist es die zweite „Holländer"-Inszenierung, die erste war am Salzburger Landestheater. „Die war ganz anders." Er selbst hat mit 15 zum ersten Mal den „Holländer" gehört, überhaupt zum ersten Mal Wagner. „Meine Eltern haben sich ernsthaft Gedanken gemacht, weil ich mit 15 anfing, in die Oper zu gehen. Sie dachten, mit mir stimmt etwas nicht. Ich musste dann sagen, dass ich ins Kino gehe, obwohl ich in Wahrheit in die Oper ging . . . Aber die Musik, die Oper kam einfach zu mir und hat mich nicht mehr losgelassen."

Regisseur statt Pfarrer. In Wiesbaden aufgewachsen, wollte er zunächst protestantischer Pfarrer werden. Ein Operettenbesuch mit seinen Eltern („Die Csárdásfürstin" von Emmerich Kálmán) weckte seine Liebe zum Musiktheater. Das fand er dann doch spannender. „Regisseur und Pfarrer sind aber ähnliche Berufe. Ein guter Pfarrer muss auch eine gute Show abliefern. Und wir brauchen Religion und Kunst, wenn die Vernunft nicht mehr weiterkann. Menschen, die das verloren haben, sind arm dran", sagt der 50-Jährige. Und so studierte er zunächst in Hamburg Musiktheater-Regie (unter der Leitung von Götz Friedrich), wurde danach Regie-Assistent bei Peter Konwitschny und anschließend Spielleiter an der Bayerischen Staatsoper. Seit 2001 arbeitet er als freiberuflicher Regisseur und ist international tätig. Immer wieder aber auch in Österreich: Vergangenes Jahr inszenierte er am Klagenfurter Stadttheater den „Zauberer von Oz", bei „La Wally" vor zwei Jahren arbeitete er mit demselben Leading Team wie jetzt beim Holländer. Der Wahlberliner genießt den Aufenthalt in Wien. „Die Menschen hier sind freundlicher – die Berliner sind gerade im Winter sehr schlecht gelaunt. Außerdem hat Kultur hier einen ganz anderen Stellenwert."

Wie sieht in Stiehls Inszenierung der Schluss aus? Gibt es Erlösung für Senta und den Holländer? „Also, Senta springt jedenfalls nicht ins Wasser. Ich finde, dass zu viel Effekthascherei das Erleben zerstört. Es gibt Erlösung, aber das muss jeder für sich selbst sehen. Was bedeutet die Musik am Schluss? Jeder kommt mit seiner Geschichte ins Opernhaus, jeder hat Erfahrung mit Tod und Verlust und wie man damit umgeht. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, mit erhobenem Zeigefinger dem Publikum zu sagen, was Sache ist. Das Theater soll die Fantasie anregen . . ." 

Tipp

„Der Fliegende Holländer". Premiere ist am 9. März. Dirigent: Marc Piollet. Mit Stefan Cerny, Meagan Miller, Markus Marquardt , Annely Peebo. www.volksoper.at

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