Der eigenen Seele etwas bieten

Dramaturg Christoph Wagner-Trenkwitz wagt sich immer wieder selbst auf die Bühne. Sein aktueller Ausflug führt ihn nach Baden – als Faust.

Christoph Wagner-Trenkwitz: Nach dem Opernball ist vor dem nächsten Projekt.
Christoph Wagner-Trenkwitz: Nach dem Opernball ist vor dem nächsten Projekt.
Christoph Wagner-Trenkwitz: Nach dem Opernball ist vor dem nächsten Projekt. – (c) Stanislav Kogiku

Schauspieler? Sei er keiner. Schauspieler zu sein, das sei eine Lebenseinstellung, sagt Christoph Wagner-Trenkwitz, „das frisst einen auf, braucht Arbeit an sich selbst“. Er hingegen, der hauptberuflich streng genommen Dramaturg und weiter gefasst ein begeisterter Geschichtenerzähler ist, wirke gelegentlich allenfalls als Darsteller.

So wie nun, da er bei den Badener Theatertagen einen Urfaust gibt. Am Tag vor der Premiere hat ihn dabei leider ein Virus gestreift. Wagner-Trenkwitz bestellt sich im Café Weimar also – „was nimmt man da, Pfefferminz?“ – Tee und tippt dann mit den Fingern aufs Tischtuch. Stress, versichert er, sei nicht Teil seines Wortschatzes. Aber ein wenig ungeduldig sei er schon.

Wagner-Trenkwitz ist ein Vielarbeiter. Sein Maß ist „der gute alte Schreibkalender“, den er zum Vorschein bringt. „Was da nicht hineingeht, mache ich nicht.“ Das Büchlein fasst freilich viel, von der Moderation einer Silvestergala in Berlin bis zu seinen Radiosendungen. Seine Frau nannte ihn unlängst einen Zuckerlzerbeißer. Statt den Geschmack zu genießen, schaffe er Platz fürs nächste. Die Frage, warum das so ist, versucht er sich nach wie vor selbst zu beantworten. „Ich denke, ich finde die Bremse nicht.“

 

Was geht – und was fehlt

Eine mögliche Antwort hat ihm nun André Heller geliefert. Dieser habe in einem Interview sinngemäß erklärt, er sei gar nicht André Heller. Vielmehr habe er „eine unsterbliche Seele, die im Heller gastiert, weil sie dort was erleben kann. Das muss der Grund sein: Ich möchte meiner Seele etwas bieten. Und ich glaub, die kann sich nicht beklagen.“ Vielleicht, überlegt er, würde ihr noch ein bisschen „Tiefenarbeit“ guttun. „Leere, Freiheit, ja sogar Langeweile. Draufzukommen, wenn ich mir nichts von außen aufzwingen lasse – was ruft denn da?“

Noch rufen freilich andere. Otto Brusatti hatte ihn vergangenen August (immerhin im Urlaub) „schutzlos am Strand von Kroatien“ erwischt und ihm die Rolle des Faust angeboten. Nun inszeniert Brusatti ihn in der „Urfaust“-Version als lebensunfähigen Computernerd, der hinaus in die Welt tapst. Ein lehrreicher Grenzgang. „Man merkt auf der einen Seite, was alles geht – aber auch, was alles fehlt.“

Seine Aufgabe sieht er auch hier vor allem darin, sich gemeinsam mit dem Publikum Fragen zu stellen. Die gottgleiche Verehrung, die manch Bildungsbürger Oper und Theater entgegenbringt, sieht er bei aller Liebe zum Genre kritisch. „Für viele ist das ein Kirchenersatz.“ Er hingehen ist Anhänger des im deutschen Sprachraums so skeptisch beäugten Begriffs Unterhaltung. Auch höchste Kunst müsse, dürfe man herunterbrechen auf menschliche Beziehungen und Unzulänglichkeiten, „um zu merken: Das hat auch mit mir zu tun.“

In der Volksoper mit ihrer Bandbreite von „Porgy and Bess“ über den „Fliegenden Holländer“ bis zur aktuellen Benatzky-Operette sei er, nach seiner Emanzipation vom Holender-Regiment an der Staatsoper, am „idealen Theater gelandet“. Holender war es freilich auch, der ihn als Sprecher für die Übertragung des Opernballs erfunden hat. Seither schwingt die Doppelconférence mit Karl Hohenlohe bei seinem Namen immer mit. „Ich hab unlängst mal nachgerechnet: Man müsste tausend ausverkaufte Vorstellungen an der Volksoper spielen, um einen so großen Publikumskreis zu erreichen wie mit einem Opernball.“

ZUR PERSON

Christoph Wagner-Trenkwitz (geb. 1962 in Wien) hat Musikwissenschaft, Politikwissenschaft und Romanistik studiert. Sein großer Lehrmeister war Marcel Prawy. Er gestaltet Soireen, Matineen und Vorträge, macht Radio und Fernsehbeiträge, ist Moderator und Conférencier – und immer wieder auch Darsteller, wie nun bei den 5. Badener Theatertagen (bis 21. März): „Urfaust“ ist noch heute, 13. März, und morgen, 14. März, zu sehen. 2020 übernimmt Wagner-Trenkwitz die künstlerische Leitung der Schlossfestspiele Langenlois.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2019)

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