Teppich der Möglichkeiten

Beate von Harten hat ihren bisher wohl kreativsten Teppich geschaffen – und mit ihm den internationalen Carpet Design Award gewonnen.

Beate von Harten (r.) mit ihrer Tochter Celina vor ihrem  Teppich, den man in 675 Varianten zusammensetzen kann.
Beate von Harten (r.) mit ihrer Tochter Celina vor ihrem  Teppich, den man in 675 Varianten zusammensetzen kann.
Beate von Harten (r.) mit ihrer Tochter Celina vor ihrem Teppich, den man in 675 Varianten zusammensetzen kann. – (c) Valerie Voithofer

In einer Variante ist es einfach ein Farbverlauf: Von Dunkelblau über Türkis hin zu Orange. Bis man einzelne Teile des Teppichs einfach umdreht: So erscheint dichter Flor, der ein Muster ergibt. Dieses Muster wiederum lässt sich wiederum ganz neu kreieren – indem man die einzelnen Quadrate anders arrangiert. Und natürlich kann man auch die Größe ändern, etwa indem man den Teppich schmäler, aber länger macht.

Insgesamt sind es 675 Möglichkeiten, wie man die 15 Quadrate des Teppichs mit Schleifen neu aneinander knüpfen kann. Ein Konzept, mit dem Beate von Harten auch die Jury des internationalen Carpet Design Award unter dem Vorsitz des New Yorker Teppichexperten Michael Mandapati von Warp & Weft überzeugt hat: Zuvor schon drei Mal nominiert, hat die in Wien lebende Teppichkünstlerin heuer in der Kategorie Best Studio Artist Design gewonnen.

Ein paar Wochen später steht von Harten in ihrem kleinen Atelier in der Stiftgasse und lacht. Es sei gar nicht leicht, „auf dem Teppich zu bleiben“, so groß sei die Freude über den Preis. Es sei „ein spielerisches System fürs Unterwegssein“, das sie habe schaffen wollen: Ein Teppich für Menschen, die heute in dieser Wohnung leben und morgen in einer anderen. Das Spiel mit dem Flor hatte sie dabei schon früher entwickelt. „Wir haben immer wieder Teppiche mit Flor gemacht und festgestellt, dass sie auf der linken Seite auch toll sind.“ Im konkreten Fall sei beidseitige Verwendung gar nicht geplant gewesen. „Aber als wir ihn vom Webstuhl geschnitten haben, haben wir gemerkt, wie schön er von hinten ist.“

Geschichten und Netzwerke

Beate von Harten lebt seit 35 Jahren in Wien. Sie stammt aus der norddeutschen Textilstadt Neumünster, ist mit dem Rhythmus der Webstühle, dem Geruch von Wolle und Flusen auf den Straßen aufgewachsen. Später hat sie Textildesign studiert, auch viel restauriert. „Wenn man sich mit dem Alten befasst, führt dieses Wissen weiter in die Zukunft.“ Sie kann auch viel erzählen, von Nomadenteppichen und den Geschichten europäischer Tapisserien, über das Knüpfen von Netzwerken und die Verwandtschaft von Text und Textil. Und sie versteht sich klar als Künstlerin. Im Gegensatz zu anderen, die ihre Entwürfe extern produzieren lassen, realisiert sie ihre Werke selbst: „Wir sind verbunden mit der Welt, die wir herstellen“. Gleich um die Ecke in der Burggasse hat sie eine Werkstatt. In Summer arbeiten vier bis zehn Leute an den Teppichen – oft gemeinsam; in anderen Fällen ist die Gleichmäßigkeit einer Hand gefragt.

Inzwischen ist auch von Hartens Tochter Celina mit an Bord. Mit ihren 25 Jahren habe sie „auch 25 Jahre Berufserfahrung“, sagt die Mutter, und dass die Tochter von selbst hier gelandet sei, „nicht weil sie muss.“ Gemeinsam zeigen sie einem den „Fliegenden Teppich“, auf dem man quasi unter sich die Erde sieht. Eine Tapisserie zeigt Planeten (und eine Himbeere), auch Mauerreste in Carnuntum oder das Licht in einem Reitstall wurden schon zur Inspiration.

Auftragsarbeiten wie jener für ein Münchner Paar – ein gewölbter Seidenteppich entlang einer runden Wand – werden in sorgsamer Vorarbeit mit dem Kunden kreiert und können auch rund 30.000 Euro kosten. Aber auch für deutlich weniger Euro ließen sich Lösungen finden. Leicht sei das Wirtschaften angesichts des Lohnniveaus im Orient nicht. „Aber wir machen Kunstwerke“, sagt auch Tochter Celina, „das muss man vermitteln.“ Wie schwierig das sei, habe schon Bauhaus-Künstlerin Anni Albers formuliert: „Wenn ein Werk aus Fäden gemacht ist, hält man es für Handwerk“, klagte sie; „wenn es auf Papier ist, gilt es als Kunst.“

ZUR PERSON

Beate von Harten hat seit 35 Jahren ein Web-Atelier in der Stiftgasse und gibt ihr Wissen auch in Kursen weiter. Zum Thema „Create and Connect“ gewann sie unlängst den Carpet Design Award, die höchste Auszeichnung der Branche. Werke von ihr sind ab 7. Mai in München (Galerie Handwerk) und in Wien am 9. Mai beim Gallery Walk bei Anita Münz zu sehen. Von 1. bis 5. Mai präsentiert sie auf der ArtMuc in München die neue Plattform Textil Art Collectiv Vienna.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.04.2019)

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