Kelly Copper und Pavol Liska: Die Meister der schlechten Ideen

Für Kelly Copper und Pavol Liska ist Unmöglichkeit die beste Bedingung für gute Kunst. Ihr Zombie-Heimatfilm nach Jelinek war ein besonders unmögliches Unterfangen.

Spieltrieb. Die zwei Köpfe des Nature Theater of Oklahoma drehten „Die Kinder der Toten“.
Spieltrieb. Die zwei Köpfe des Nature Theater of Oklahoma drehten „Die Kinder der Toten“.
Spieltrieb. Die zwei Köpfe des Nature Theater of Oklahoma drehten „Die Kinder der Toten“. – (c) die Presse (Carolina Frank)

„Es war eine schlechte Idee, uns diesen Film machen zu lassen. Uns das anzuvertrauen!", sagt Pavol Liska. „Fast alle unserer Ideen waren wirklich schlecht", sagt Kelly Copper und grinst. Ein gewisser Stolz schwingt dabei schon mit. Die beiden Künstler, die gemeinsam das in New York beheimatete Nature Theater of Oklahoma bilden, haben mit schlechten Ideen beste Erfahrungen gemacht. Mit guten weniger. „Wir wissen, dass etwas, wenn es eine gute Idee ist, nicht funktionieren wird", erklärt Liska. „Und wir nehmen uns immer genug Zeit für ein Projekt, um die Idee so schlecht wie möglich zu machen."

Ihre letzte schlechte Idee brachte sie nach Österreich: Für den Steirischen Herbst 2017 lud Veronica Kaup-Hasler, die ihre letzte Saison als Intendantin vor ihrem Wechsel ins Amt der Wiener Kulturstadträtin bestritt, die beiden in die obersteirische Provinz ein. Bald kam der Vorschlag, hier Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten" zu verfilmen: ein Monster von einem Roman, für das es keine englische Übersetzung gibt, als Stummfilm mit Splatter-Effekten, gedreht mit Super-8-Kameras und Laiendarstellern aus der Region Neuberg an der Mürz, wo Jelinek ihre Kindheit verbracht hatte. Die Literaturnobelpreisträgerin, die zuletzt Michael Haneke erlaubt hatte, einen ihrer Texte zu verfilmen („Die Klavierspielerin", 2001), war einverstanden. Dem Regiepaar ließ sie freie Hand. Vielleicht hatte der Reiz der (scheinbar) schlechten Ideen auch sie fasziniert?

Copper und Liska jedenfalls empfingen die Hürden des Projekts mit offenen Armen. Es begann damit, dass sie das Buch nicht lesen konnten – jedenfalls nicht mehr als die ersten hundert Seiten, für die es einen Übersetzungsentwurf gab. Den Rest ließen sie sich nacherzählen von Menschen, die das Werk gelesen hatten. „Es war nicht so ungewöhnlich für uns, uns auf fremde Überlieferungen zu verlassen", sagt Liska. Frühere Produktionen hatten sie auf einer Erzählung aus zweiter Hand von „Rambo" oder auf den kombinierten Erinnerungen von dreißig Menschen an „Romeo und Julia" aufgebaut. „Das ist wie ein archäologisches Projekt, bei dem man ausgräbt, was bei den Leuten hängen bleibt."

Die Untoten kommen. Er und Copper geben denn auch ungezwungen zu: „Wir kennen die Essenz des Buches nicht" – aber sie kennen eine andere Ebene der Geschichte: über die Erzählungen, in die Interpretation und Rezeption des Werks gleich mitgepackt sind, über die Einflüsse, die Jelinek angegeben hat (etwa den B-Horrorfilm „Carnival of Souls"), und über die Gegend, in der „Die Kinder der Toten" verwurzelt ist. All das spannen sie zusammen zu einem archaischen, bewusst amateurhaft wirkenden Zombie-Heimatfilm-Flickwerk. Nach einem Busunfall kehren darin die Toten, die die Straße gefordert hat, zurück – und mit ihnen auch gleich die Toten der Vergangenheit. „Unser Drehbuch war sehr detailliert", sagt Liska, „aber wir wussten, dass wir 95 Prozent davon nicht würden umsetzen können." Copper gibt ein Beispiel: „Als wir schrieben, ,die Leinwand wird zu einem lodernden Loch, aus dem die Untoten erscheinen‘, hatten wir keine Vorstellung, ob wir die Special Effects oder das Geld dafür haben würden." Erfahrung mit Super-8-Kameras hatten die beiden auch nicht. „Wir wussten nicht einmal, wie wir das entwickeln sollen. Wir haben es dann nach Berlin geschickt, zwei Wochen lang hatten wir keine Ahnung, ob auf dem Film überhaupt irgendetwas drauf ist."

Talent? Egal. So zwingt sich das Nature Theatre of Oklahoma stets, an die eigenen Grenzen zu gehen. Was sie als „schlechte Ideen" oder „unmögliche Unterfangen" bezeichnen, sind im Grunde Aufgaben, denen sich einfach noch niemand gestellt hat – und die Copper und der aus der Slowakei in die USA eingewanderte Liska (die beiden sind verheiratet) nutzen, um sich aus der eigenen Komfortzone rauszulocken und die Grenzen verschiedener Kunstformen auszureizen. Sie lernten sich beim Studium am Dartmouth College kennen, arbeiteten gemeinsam am Theater und gründeten dort ein Nebenprojekt, das sie nach einer Passage aus Kafkas „Der Verschollene" (auch „Amerika") benannten. Das „große Theater von Oklahoma" sucht dort Personal: „Jeder ist willkommen! Wer Künstler werden will, melde sich!" Genommen wird jeder, unabhängig von Erfahrung oder Talent. Für den Protagonisten des Romans eine große Verlockung – die Copper nachempfinden kann: „Wir alle hatten beschissene Jobs und versuchten, über die Runden zu kommen. Wir dachten, wenn wir nun dieses ideale Theater gründen . . . irgendwie hat es funktioniert."

Produktionen dieses Theaters waren im Burgtheater und bei den Salzburger Festspielen zu sehen, für die „New York Times" ist es „eine der innovativsten Compagnien" der Stadt. Und es nimmt wirklich jeden auf? „Jeden, der so verzweifelt ist wie wir." Selbst wenn er kein Talent hat? „Ich habe selbst kein Talent", sagt Liska, „aber ich arbeite zwanzig Stunden am Tag." Seine Definition eines Künstlers ist denn auch: „Ein Arbeiter. Jemand mit einer Mission. Und vor allem: jemand, der es macht, weil er innerlich dazu genötigt wird, nicht weil er reich oder berühmt oder geliebt werden will." Selbiges erwarten die beiden auch von ihren Mitarbeitern – etwa den Laiendarstellern, die in „Die Kinder der Toten" Wirtinnen und schnitzelklopfende Alkoholiker, Jäger und Nazi-Witwen, mit Kugelschreibern „bewaffnete" syrische Lyriker und knutschende Senioren spielen. Wie sie vor der Kamera wirkten, interessierte Copper und Liska nicht. Sondern: „Dass sie ein persönliches Bedürfnis hatten, diesen Film zu machen."

Ein solches habe übrigens auch Jelinek – für die beiden „eine der liebsten Personen" – gehabt: „Dieses Buch hat mir das Leben gerettet", habe sie den beiden bei ihrem Treffen erzählt. Den fertigen Film soll sie geliebt haben – das wurde dem Nature Theater of Oklahoma zumindest überliefert. Ihr Placet dürfte für die beiden aber ohnehin nicht allzu wichtig gewesen ein. Liskas Rat an angehende Künstler: „Geh Risken ein. Mach etwas Unmögliches – und frag nicht um Erlaubnis."

Tipp

„Die Kinder der Toten". Von Kelly Copper und Pavol Liska, entstanden im Rahmen des Steirischen Herbstes 2017. Ab 5. April im Kino.

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