Gerald Votava: Unter Gugginger Vögeln

Mit Manuel Rubey tritt Gerald Votava nach Ostern in Gugging auf. Ein Gespräch über den dortigen Genius Loci und Gedichte Christine Nöstlingers.

Gerald Votava vor der Villa Gugging. Das Areal des Art Brut-Zentrums hält er für einen „magischen Ort“.
Gerald Votava vor der Villa Gugging. Das Areal des Art Brut-Zentrums hält er für einen „magischen Ort“.
Gerald Votava vor der Villa Gugging. Das Areal des Art Brut-Zentrums hält er für einen „magischen Ort“. – (c) Florens Kosicek

Die Sonne scheint warm auf die Stufen der Villa Gugging. Aus dem Haus dringt leise Meditationsmusik, die gerade für eine Aufnahme gemischt wird. Schwarze Krähen picken in der Wiese. Gerald Votava schaut auf das Haupthaus hinunter. Er komme sehr gern hierher, sagt er. „Immer schon. Ich mag die Kunst, die hier entsteht. Es ist ein guter Ort für Inspiration und Kontemplation.“

Die Inspiration von hier, die wird er demnächst auch nützen. Am Sonntag nach Ostern gestaltet er gemeinsam mit Schauspieler Manuel Rubey in der Galerie Gugging einen neuen Teil der Reihe „Special edition“: Seit zwei Jahren passieren hier unter diesem Titel Dinge, die man so nicht nicht gemacht hat, das so noch nie aufgeführt worden ist. So brachte hier etwa Musiker Christopher Chaplin eines seiner experimentellen Werke zur Uraufführung, im Oktober las Klaus Maria Brandauer Texte David Bowies.

Für Votava ist Gugging ein Ort, an dem er sich beruflich oder privat „auf sich selbst zurückfallen lassen kann.“ Dann geht er in die Galerie, schaut sich das Museum an, spaziert durch die Umgebung. „Den Genius Loci, den gibt es hier definitiv.“ Seine wichtigste Bezugsperson im Art-Brut-Zentrum ist der Künstler Johann Garber. „Vor vielen Jahren hat er uns einmal durchgeführt, uns auch sein Zimmer gezeigt.“ Umso mehr freut er sich, dass er und Rubey auf bunten Stühlen Garbers Platz nehmen werden.

Dem Dialekt auf der Spur

Von hier aus will sich Votava auf die Spur von Ideen begeben, „die im weitesten Sinn poetisch sein dürfen, aber auch grauslich oder verträumt“. Dass jene, von denen die Gesellschaft manchmal das Gefühl hat, man brauche sie gar nicht, in Gugging Kunst erzeugen, die sogar im Moma ausgestellt wird, findet er ausgesprochen „leiwand“. Genau das sei im Übrigen auch ein Thema unserer Zeit: Das Verhältnis zwischen den „überspitzt gesagt Ausgestoßenen und der Elite“.

Gemeinsam mit Rubey, mit dem er auch mit anderen das Bandprojekt Familie Lässig betreibt, will er hier etwa dem Dialekt nachspüren. „Nichtakademische Sprache als gesellschaftliches Auswahlverfahren finde ich spannend.“ Über den Dialekt habe er in ihren späten Jahren auch viel mit Christine Nöstlinger gesprochen. Kennen gelernt hatte er sie, als sie eine Auszeichnung erhielt und Votava mit Ingrid Burkhard eine Kostprobe aus „Iba de gaunz oamen Leit“ gab; die auf Nöstlingers Gedichten basierende Elektrooper probte er damals gerade im Rabenhof. Ab da trafen sich die beiden immer wieder. „Ich habe sie auch immer wieder gefragt, ob sie was schreibt.“ Nöstlinger antwortete damals gern, sie umkreise den Computer wie einen Feind.

Später spielte Votava mit ihrem Sanktus ihren Vater im Film „Maikäfer, flieg“. Und irgendwann habe sie dann diese Gedichte hervorgezaubert. Und ein anderes Mal noch ein paar mehr. „Ned, dasi ned gean do warat“, heißt das daraus entstandene Buch, am 9. Mai wird es im Rabenhof präsentiert. Darin lernt man die arbeitsscheue „Jasmin vun da Vira-Schdiagn“ kennen. Oder den „Westbaunhof-Rudl“: Er schaut sich jeden Tag die kleinen und großen Dramen des Lebens am Bahnsteig an. Genau solche Perspektiven haben es Votava angetan. „Gedichte, die aus der Position von Menschen geschrieben sind, die nicht aus Hochschulen kommen oder aus gesellschaftlichen Zonen, wo der Weg vielversprechend vorgezeichnet ist. Um die geht's es ein bissl – um die, die man nicht so mag.“ Neben Nöstlinger hätten er und Rubey etwa auch Arbeiten von Ernst Jandl oder Peter Tramontana in ihrem Pool. Auch ein, zwei Lieder von Ernst Molden sind wohl dabei.

Der Genius Loci Guggings, er macht sich indes auch schon im Gespräch bemerkbar. Man wird langsam, schweift ab. Unterhält sich über die Vögel, die hier so gegenwärtig sind, darüber, wie sie sich in der Sprache wiederfinden: Als schräger Vogel, als jemand, der einen Vogel hat. In der Vogelperspektive und im Vögeln. Sein Lieblingstier, sagt Votava, sei im Übrigen ja der Honigdachs. „Ein brutales, sein Leben aufs Spiel setzendes Tier, wenn es Honig haben will.“

Zur Person

Gerald Votava (geb. 1970 in Wien) ist Schauspieler, Musiker, Autor und Kabarettist. Mit der „Familie Lässig“ brachte er zuletzt mit „Im Herzen des Kommerz“ deren erstes Album heraus, im Lauf des Jahres gibt es weitere Konzerte. Termine: 28. April Galerie Gugging Special Edition #8: Votava begegnet Rubey. 15 Uhr, Villa Gugging. Am 9. Mai präsentiert Votava im Rabenhof Christine Nöstlingers „Ned, dasi ned gean do warat“. Ab 10. Mai spielt er im Bronski & Grünberg in einem neuen Schnitzlerschen „Reigen“ unter Ruth Brauer-Kvam.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2019)

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