Barry Jenkins: "Das Kino ist nicht unschuldig"

Der amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Barry Jenkins spricht über sein neues Werk, „Beale Street“, die Macht des Kinos und den strukturellen Rassismus in den USA. Außerdem erklärt er, warum er seit jeher von Liebesfilmen fasziniert ist.

Betrachtet seine bisherigen drei Filme auch, aber nicht nur als politische Stellungnahmen: Regisseur Barry Jenkins.
Betrachtet seine bisherigen drei Filme auch, aber nicht nur als politische Stellungnahmen: Regisseur Barry Jenkins.
Betrachtet seine bisherigen drei Filme auch, aber nicht nur als politische Stellungnahmen: Regisseur Barry Jenkins. – (c) APA/AFP/VALERIE MACON (VALERIE MACON)

Eigentlich bin ich ja froh, dass das passiert ist“, kommentiert Barry Jenkins jenen denkwürdigen Moment bei der Oscarverleihung 2017, als durch ein Missgeschick erst „La La Land“ anstatt „Moonlight“ als bester Film verkündet wurde. „Dadurch haben diesen Film sicher viel mehr Menschen gesehen.“ Nun legt Jenkins seinen neuen Film, „Beale Street“, vor.

Sie haben drei abendfüllende Spielfilme gedreht – nur Liebesfilme. Ein Zufall?

Barry Jenkins: Nein, ganz und gar nicht. Ich war immer schon besessen von der Liebe und ihrer gleichzeitig überwältigenden Präsenz in meinem Leben. Ich glaube, dass viele Menschen dazu einen Bezug haben, besonders viele schwarze Männer.


Warum haben Sie genau dieses Buch ausgesucht, um es zu verfilmen?

Ich habe in meinen frühen Zwanzigern viel Baldwin gelesen, aber nie „Beale Street“. Eine Freundin von mir hat es mir vor ein paar Jahren empfohlen, mit den Worten: „Es liest sich ein bisschen so, als wenn James Baldwin eine Folge der Serie ,Law & Order‘ geschrieben hätte!“ Und sie hat gemeint, dass das ein guter Film sein könnte. Ich habe es dann gelesen und war extrem bewegt davon, wie sinnlich und doch realitätsnah er die Geschichte geschrieben hat.


James Baldwin hat sich ja sogar einmal selber Gedanken über die Verfilmung seines Buchs gemacht...

Ja, er hat ein ganz dickes Notizbuch hinterlassen, das komplett vollgeschrieben war mit Vorschlägen zur Besetzung, an welchen Regisseuren ich mich orientieren sollte, wie ich das Drehbuch anlegen könnte. Und das Schöne war: Ich bekam dieses Notizbuch erst zu sehen, als ich mein eigenes Skript schon mehrfach überarbeitet hatte, und seine Ideen deckten sich in vielen Fällen mit meinen.


Er war ja auch selbst einmal Filmkritiker.

Ja, und zwar ein verdammt guter. Es tut mir weh, dass er über diesen Film nichts mehr schreiben kann. Auch wenn ich mich vor seinem Urteil wohl doch ein wenig gefürchtet hätte.


Baldwin schrieb einmal, dass das Medium Film keineswegs harmlos sei – sondern dass er es für ein recht wirkungsvolles politisches und ideologisches Instrument hält. Sehen Sie das auch so?

Absolut. Er hat das in den 1960er-Jahren geschrieben, und ich finde, dass es heute sogar noch viel mehr zutrifft als damals. Heute sind überall Bildschirme. Wir lesen lang nicht mehr so viel, wie wir uns ansehen. Bewegtbild ist überall. Und wenn es gut gemacht ist, sind wir uns oft der Message, die transportiert wird, gar nicht bewusst.


Wir werden manipuliert?

Durchaus. Filme können unterschwellig sehr destruktive, bösartige Botschaften verbreiten. Sie haben eine große Macht. Und deshalb haben Filmemacher eine ganz große ethische und moralische Verantwortung, bei der Wahrheit – und Wahrhaftigkeit – zu bleiben.


Besonders im Justizsystem der USA zeigt sich der strukturelle Rassismus nach wie vor überdeutlich. Derzeit sind mehr junge Schwarze im Gefängnis als in einem fixen Arbeitsverhältnis.

Ja, und sowohl das Buch als auch mein Film sind auch als politischer Kommentar dazu zu sehen, auch wenn das nicht mein Hauptthema ist. Aber es ist ein riesiges Problem. Es liegt meiner Meinung nach daran, dass es in unserem Justizsystem nicht um Gerechtigkeit, sondern um Gewinnen oder Verlieren geht – und damit wird das ganze System pervertiert und ungerecht.


Dazu kommt, dass die Insassen der privatisierten Gefängnisse für kein oder sehr wenig Geld zu Arbeitsleistungen herangezogen werden: Eine moderne Version der Sklaverei?

Ja, das ist es. Und es war vor nicht allzu langer Zeit noch viel schlimmer, da wurden Leute oft monatelang zum Arbeitsdienst eingezogen, wenn sie Rechnungen nicht bezahlen konnten. Und keiner hat darüber geredet.


Hat sich die Situation der Schwarzen in den USA überhaupt verbessert?

Ein wenig, sicher. Ich meine, wir sehen immer noch viel zu viele Beispiele von brutaler Polizeigewalt gegen Schwarze. Es gibt immer noch kaum Konsequenzen. Aber wir sehen diese Taten wenigstens, weil heute überall Kameras sind. Stellen Sie sich mal vor, was da alles passiert ist, als es diese Kameras noch nicht gab.

Steckbrief:

1979
wurde Barry Jenkins in Miami geboren. Nach einem Studium an der Florida State University in Tallahassee drehte er mehrere Kurzfilme, ehe er mit „Medicine for Melancholy“ 2008 seinen ersten Spielfilm inszenierte. Er lebt in Los Angeles.

2016
feierte er mit „Moonlight“ seinen internationalen Durchbruch als Regisseur. Das Drama bekam 2017 den Oscar als bester Film. Mahershala Ali, derzeit in „Green Book“ zu sehen, wurde zudem zum besten Nebendarsteller gekürt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.03.2019)

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