Das Hollywood der wilden Zeiten

Quentin Tarantino über seinen neuen Film, die Arbeit mit Leonardo DiCaprio und die Erinnerungen an seinen ersten Kinobesuch im Jahr 1969 am Hollywood Boulevard. Und er gibt überraschend zu: In ihm steckt auch ein Romantiker.

Quentin Tarantino
Quentin Tarantino
Quentin Tarantino – Getty Images

Es war der Film beim Festival in Cannes und könnte nun der Film des Jahr werden: Diese Woche läuft Quentin Tarantinos neuester Streifen „Once upon a Time . . . in Hollywood“ an (siehe auch Seite 41). Fünf Jahre hat der Kultregisseur daran geschrieben und ein Spitzenensemble auf der Leinwand versammelt: Brad Pitt, Leonardo DiCaprio, Margot Robbie. Selbst in den Nebenrollen entdeckt man Hochkaräter wie Al Pacino oder Kurt Russell. Tarantino erzählt die Geschichte des Cowboydarstellers Rick (Leonardo DiCaprio) und seine Freundschaft zu seinem Stuntdouble, einem oberkörperfreien, oscarreifen Brad Pitt – und erinnert an die Morde des Manson-Clans, u.a. an Roman Polanskis schwangerer Frau Sharon Tate.

Quentin, Ihr Film spielt im Hollywood der späten Sechzigerjahre. Wenn es Zeitmaschinen gäbe, in welche Zeit würden Sie zurückreisen, um Filme zu drehen?

Definitiv in die Siebziger! Die Ära war mit ihren Schauspielern für den Film einfach grandios. Wenn Sie aber fragen, wann ich am liebsten in Hollywood gelebt hätte, würde ich die frühen Sechziger wählen, die Zeit von Dino's Lodge auf dem Sunset Boulevard, Dean Martins Club – eine unglaublich coole Zeit.

Sie sind ja in L.A. geboren. Was sind Ihre frühesten Erinnerungen an die Traumfabrik?

Geprägt hat mich mein erster Besuch im Grauman's Chinese Theatre, dem Kino auf dem Hollywood Boulevard 1969. Wir lebten damals im Osten von L.A, und meine Mutter und mein Stiefvater nahmen mich mit, um „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ mit Paul Newman und Robert Redford anzusehen. Sie hatten mir so viel davon erzählt, ich konnte es kaum abwarten, dieses legendäre Theater endlich zu sehen.

Von dem Ausflug profitieren Kinofans wohl bis heute . . .

(lacht) Ja, das war unvergesslich. Meine Eltern erzählten mir natürlich auch von den ganzen Hand- und Fußabdrücken der Stars. Ich war großer Fan von John Wayne und wollte unbedingt dessen Abdrücke sehen, weil er angeblich so kleine Füße hatte. Natürlich haben sie mir auch vom „Walk of Fame“ berichtet, mit den eingelassenen Sternen, und dem Wachsfigurenmuseum. Ich habe meinen Stiefvater immer über Hollywood gelöchert.

Und nun sind Ihre eigenen Abdrücke dort zu sehen?

Ja, seit 2015!

Ihr Film ist überraschend splatterfrei und wirkt wie eine nostalgische Liebeserklärung an das alte Hollywood. Sind Sie – nach der eigenen Hochzeit – etwa zum Romantiker geworden?

Ich bin romantisch! Oder ich werde auf meine alten Tage noch ganz sanft . . . Margot Robbie bezeichnet mich gern als großen Softie! Sagen wir so: Sie sehen hier eine andere Seite von mir.

Hat Hollywood in gewisser Weise seine Unschuld verloren, als Sharon Tate 1969 von Charles Mansons Clan ermordet wurde?

Darüber habe ich viel sinniert. Joan Didion schrieb einmal, dass die Sechziger offiziell mit den Manson-Morden endeten, und die ganze Welt scheint in dieses Zitat verliebt zu sein. Ganz so einfach ist es nicht. Während die Hippies von Frieden und Liebe sprachen, wurden in Vietnam Menschen abgeschlachtet. Die Polizeibrutalität geriet außer Kontrolle. Leute wanderten fünf Jahre in den Knast, nur weil sie einen Joint in der Tasche hatten. Rückblickend hat die Hippie-Bewegung viel Aufsehen erregt, aber die Gesellschaft nicht nachhaltig geprägt. Da ist auch viel schiefgegangen.

Bei der Uraufführung in Cannes sagten Sie, dass Sie Polanski nicht über Ihr Vorhaben in Kenntnis gesetzt hätten. Seine Frau Emmanuelle Seigner protestierte kurz danach, wie man aus der Tragödie ihres Mannes Kapital schlagen könnte. Wie wichtig war dann, dass Sharon Tates Schwester Debra Ihnen ihren Segen gab?

Das bedeutete mir alles! Dass man einen Film wie diesen dreht, wird er nicht jedem gefallen. Ich wusste, dass ich ein Risiko eingehe. Mir ist egal, was jeder Einzelne, ob Kritiker oder nicht, von diesem Film hält. Aber wenn Debra Tate zufrieden ist, bin ich das auch. Ihre Meinung zählt.

Ist Ihnen wirklich egal, was geschrieben wird? Alles, was Sie tun, wird unter einer Lupe betrachtet, jede Story wird aufgeblasen: dass eine Zehnjährige DiCaprio angeblich die Schau stiehlt, dass die Bulldogge, die Brad Pitt füttert, den Preis Palme Dog erhält, dass Bruce Lees Tochter sauer ist, . . . Nervt das nicht?

Bevor ein Journalist früher mit mir sprach, kannte ich seine veröffentlichten Artikel und konnte mit ihm ein gehaltvolles Gespräch führen. Die Branche hat sich aber grundlegend geändert. Ich gebe mir bei einem Interview noch immer Mühe, der Journalist sucht aber nur das aufsehenerregendste Zitat aus, reißt es aus dem Kontext und veröffentlicht es auf 30.000 Plattformen von Indien bis Irland.

Warum geben Sie dann überhaupt noch Interviews?

Die gute Seite ist: Offenbar regen wir eine öffentliche Diskussion an. Und das ist wichtig. Als letzten Freitag der Film in den USA anlief, wurden schon am Sonntag klassische Kritiken durch intensive Diskussionen über die Inhalte und Ebenen des Films verdrängt. Es gab Debatten über das Ende und verschiedene Aspekte der Story. Selbst wenn einigen mein Film nicht gefiel, fand ich gut, was sie dazu zu sagen hatten. Sie haben sich wirklich Gedanken gemacht – toll! Das heißt, dass dieser Film die Leute interessiert hat und wir etwas geschaffen haben, was für die Öffentlichkeit von Bedeutung ist.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kinos?

Sie macht mir zum einen etwas Angst, aber es ist wahnsinnig aufregend, nicht zu wissen, in welche Richtung sich eine ganze Branche entwickeln wird. Eine ähnliche Umbruchphase hat die Filmindustrie der Siebzigerjahre so spannend gemacht. Hollywood ist immer dann am besten, wenn Hollywood keine Ahnung hat, wie es weitergeht.

Könnten Sie sich vorstellen, einmal mit Streaming-Anbietern zu arbeiten?

Wohl nicht für einen Film. Aber eine Serie könnte ich mir vorstellen.

Dieser ist Ihr neunter Film – nach zehn soll Schluss sein. Ist das unverändert Ihr Plan?

Der Plan ist weiterhin, die zehn Filme zu drehen. Aber es steht noch nicht fest, was Nummer zehn sein wird. Vielleicht „Star Trek“. Ich hatte auch eine Idee zu „KiIl Bill 3“ und habe in den letzten Monaten intensiver darüber nachgedacht und Uma Thurmans Meinung dazu eingeholt – sie war sehr interessiert. Aber vielleicht wird es etwas ganz anderes, was noch in mir schlummert. Ich könnte natürlich auch so tun, als zähle „Star Trek“ nicht, weil ich natürlich zehn Originale meinte und „Star Trek“ dann unmöglich mitzählt. Kurz gesagt: Keine Ahnung.

Was wollen Sie mit Ihrem Leben anfangen, wenn Sie sich als Filmemacher zur Ruhe setzen? Etwa Rosen züchten und kochen? Was ist Tarantino ohne Filme?

Nun, ich bin ja auch Autor. Vielleicht schreibe ich Bücher über Filmgeschichte. Oder Romane. Vielleicht auch Theaterstücke? Mal sehen!

Was, wenn ein Fremder dann Ihre Romane verfilmen will?

Dafür müsste ich ihm erst einmal die Rechte verkaufen! (lacht)

In den Sechzigern wurde offenbar nonstop geraucht. Was ist Ihre schlechteste Eigenschaft?

In der Nase zu bohren. Das macht bestimmt jeder. Aber kein anderer hat die Eier, das zuzugeben.

Steckbrief

Quentin Tarantino wird am 27. März in Knoxville (USA) geboren.

Als 15-Jähriger bricht Tarantino die Schule ab und beginnt eine Schauspielausbildung. In weiterer Folge schreibt er Drehbücher, von denen er einige verkaufen kann.

1993 wird sein zweiter Film, „Pulp Fiction“, ein oscarprämierter Kassenschlager.

Weitere Filmhits folgen mit „Kill Bill“, „Inglourious Basterds“, „Django Unchained“.

2019. Tarantinos neuer Film „Once upon a Time in Hollywood“ kommt in die Kinos.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2019)

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