Fabian Krüger: Ich habe einen ganz schönen Ruf

Burgschauspieler Fabian Krüger über den Revolutionär St. Just, das schicke und das freche Theater – und über Frauengeschichten.

(C) Christine Ebenthal

Benno liebt Beethoven und schöne Frauen. Eines Tages wacht er auf und Sand rieselt aus seinem Körper: „Sommersandtraum“, ein skurriler Film von Peter Luisi begeisterte 2011 das Publikum. Die Hauptrolle des coolen Typen, der in eine verzweifelte Lage gerät, spielte Fabian Krüger. Matthias Hartmann förderte ihn. Seit 2009 ist er am Burgtheater engagiert, spielte viele Rollen, Klassiker, Botho Strauß oder in „Der Komet“, einer mystischen Gesellschaftskomödie von Justine del Corte. Ab 24. Oktober ist Krüger im Burgtheater als eine der gemeinsten Figuren in „Dantons Tod“ von Georg Büchner zu sehen. Krüger selbst wirkt wie ein lustiger, schräger Vogel. Doch hat er auch sehr dunkle Zeiten erlebt. Mit 18 war er schwer krank: „Man sagte mir, ich dürfte mit dem Tod rechnen.“

Die Presse: „Es scheint in dieser Versammlung einige empfindliche Ohren zu geben, die das Wort Blut nicht wohl vertragen können“, sagt St. Just. Was ist das für einer – für Sie? Ein Einpeitscher, ein Revolutions-Fundamentalist? Wahrscheinlich ist es so gemeint. Aber ich gebe ihm erstmal einfach Recht. Das muss ich ja. Ich muss ihn ja spielen. In einer gewissen Weise ist es erschreckend plausibel, was der gute Mann so von sich gibt. Er verfolgt seine Idee und hat dabei kein Mitgefühl: Setzt sich die Freiheit erst in Jahrhunderten durch, kostet sie Millionen Menschenleben, die zwar eines „natürlichen Todes“, aber in Knechtschaft sterben. Tötet man jedoch auf der Stelle ihre zehntausend Unterdrücker, spart man bis zur Durchsetzung der Freiheit sozusagen Menschenleben. Es bleibt also ein Plus an qualitativen Menschenleben bis zum Ende des Jahrhunderts. Erschreckend, aber auch sympathisch.

St. Just repräsentiert wie alle Figuren in „Dantons Tod“ auch die Ideen seiner Zeit: Aufstieg der Naturwissenschaft, Abstieg Gottes, Ausgeburten der Aufklärung, der Vernunft. Das massive Elend der Leute hat natürlich auch eine Rolle bei der Französischen Revolution gespielt. Ich bin ein schlechter Redner über meine Figur, die sich in den Proben sehr intuitiv entwickelt. Wenn ich sage: Ich spiele St. Just – da schauen die Kollegen begeistert und scheinen gleich zu wissen, was das für einer ist. Mag sein, auf den ersten Blick ist St. Just ein fanatischer, kalter, Bösewicht, aber mich interessiert mehr seine Utopie dahinter, wenn er seinen Preis nennt, nicht wogegen, sondern wofür er steht, wenn er sagt, wir verändern die Menschheit nur, wenn wir durch Blut gehen.

 Kommen Sie aus einer Künstlerfamilie? Mein Vater hat Musik gemacht und toll gemalt. Meine Eltern kamen aber aus einfacheren Verhältnissen. Meine Mutter war ein Bauernmädchen aus der DDR, ein Flüchtlingskind. Mein Vater hat sich dieses hübsche Mädchen gegriffen und eine Familie gegründet. Ich habe einen Bruder, zwei Schwestern und noch eine Halbschwester.

Sie sind in der Schweiz aufgewachsen? Meine Eltern sind von Deutschland in die Schweiz gezogen und haben in einem ehemaliges Sanatorium im Appenzell, eine betreute Einrichtung geleitet: Mit Werkstätten, Backstube, Weberei, Gärtnerei. Wunderschön. Joachim Meyerhoff, der den Danton spielt, ist in der Psychiatrie aufgewachsen, ich, etwas idyllischer, im „Behindertenheim“. So nannte man das damals.

Wie fiel die Entscheidung, Schauspieler zu werden? Diese Entscheidung fiel nie, es passierte halt: Irgendetwas musste ich machen. Mit 18 Jahren hatte ich eine schwere Operation, ich musste viele Schmerzmittel nehmen. Davor war ich lustig, hab Sport gemacht, nun war ich wie ein Rentner, ganz dünn, konnte keine fünf Schritte gehen, kaum atmen und nur noch flüstern.

Das war eine Begegnung mit dem Tod? Man sagte mir unter anderem, ich dürfte mit ihm rechnen. Aber ich war recht tapfer und habe meine Energie dafür aufgebracht, dass meine Eltern sich nicht so viele Sorgen machten. Als es wieder halbwegs aufwärts ging mit meiner Gesundheit, war ich tendenziell melancholisch. Mit dem Sport war es vorerst vorbei, ich machte Musik, Cello, und klimperte auf dem Klavier. Ich habe geträumt und bin herum gehangen und hatte keinen Plan. Von der Theaterbranche wusste ich nichts, ich hatte ein bisschen im Schultheater gespielt. Ich mochte Theatertexte.

Wo haben Sie Ihre Schauspielausbildung gemacht? In Zürich. Ich jobbte damals während dem Vorkurs fürs Musikkonservatoruim als Statist am Zürcher Schauspielhaus. Ich habe als Komparse Foxtrott gelernt, fand das ganz toll, und drückte mich erfolgreich vor der Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule, vor allem weil meine Freunde immer sagten, du schaffst das! .... das war so angenehm, daher wollte ich nicht überprüfen, ob sie sich eventuell irrten. Ich ahnte es längst und sah es schließlich ein, dass es für die Musik nicht reichen würde, da hab ich mich aufgerafft und hab halt die Schauspielprüfung bestanden.

 Sie sind nicht sehr materiell orientiert? Wir waren nie reich. Wir waren eine zwar nervtötende, aber lustige, schöne Familie. Später hat mein Vater sukzessive eine soziale Abstufung erlebt, es ging ihm nicht gut, er wurde nicht mehr gebraucht. Wir hatten weder ein Haus noch Rücklagen, aber meine Mutter hat, auch nach dem Tod meines Vaters, immer gearbeitet, im Korrektorat einer Zeitung. Existenzängste hatte ich nicht. Es fällt mir schwer, Dinge ernst zu nehmen. Ich dachte, wenn es nicht klappt, darf ich stempeln, bis ich was finde.

Erstaunlich, man hat den Eindruck, in der Theater-Branche treten die Leute einander auf die Zehen und einander nieder. Wie kann man mit so einer lässigen Einstellung erfolgreich sein? Sie waren unter Intendant Matthias Hartmann am Schauspielhaus Bochum, 2005-2009 in Zürich engagiert und sind seit 2009 festes Ensemblemitglied des Burgtheaters. Ich hab wohl Glück. Ich staune selber. Aber ich wollte erst nicht ans Stadttheater. Das elegante sich Bewegen, das schöne Formulieren, das hat mir als Student gefallen, man sieht es gerne, auch hier, das schicke Theater. Es ist angenehm, es macht Spaß, aber weiß der Henker, in einer gewissen Weise stimmte es mich auch misstrauisch. Ich wollte bedienen, was man sehen wollte, aber gleichzeitig fand ich das schrecklich.

Begonnen haben Sie bei einer Freien Gruppe. In einer Unterführung habe ich Jungs gesehen, die machten totalen Underground, frech und frisch, die haben damit gespielt, das sich Reproduzierende des Theaters zu demontieren. Da habe ich mich hingestellt und gesagt, ich möchte mitmachen, denn ich wollte das los werden und vernichten, wonach ich mich gesehnt hatte. Das ist nämlich das Schönste, wenn man das schicke Theater knickt. Ich finde Schauspieler gut, die das können, besonders an älteren Kollegen ist das bewundernswert, wenn sie lieber überraschen wollen, statt sich bestätigen zu lassen. Ich mag in meinem Beruf Mechanismen immer wieder neu entdecken, und dafür ist eine so schwierige Bühne wie das große Burgtheater toll.

Sie haben an der Burg schon sehr viele Rollen gespielt, beim Alternativen „Nature Theatre of Oklahoma“, in Frank Castorfs spektakulärer Inszenierung von Hans Henny Jahnns „Krönung Richards III.“, die offenbar leider nicht mehr gespielt wird, in Shakespeare-Stücken, in Tolstois „Krieg und Frieden“, einer Performance in der Regie von Matthias Hartmann, und in „Der Komet“ von Justine del Corte, einem mystisch angehauchten Gesellschaftsstück. Da spielen Sie einen Verführer. Sind Sie selber auch einer?Klar, ich nagle alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Darf ich das zitieren? Natürlich bitte, in die Titelleiste! Allerdings muss ich sagen, die Frauen schlafen nicht mit mir, nur ich mit ihnen, sie sind bedauerlicherweise nie dabei gewesen, warnen aber dennoch künftige Opfer. Ich finde, ich habe einen ganz schönen Ruf. Verführer klingt toll, aber so freundlich nennt das niemand. Ich bin ein Psychopath! Oh Gott, habe ich das jetzt wirklich gesagt? Quatsch, ich bin total normal.

Sie spielen mir was vor. Sind Sie verheiratet?,Nein, vielleicht wäre ich das gerne.

Was machen Sie, wenn Sie nicht Theater spielen? Ich mache das! (er zeigt auf seinem Handy das Foto einer sehr professionell aussehenden Küchen-Kredenz).

Sie sind Tischler? Aber nein! Ich mache Dinge, die ich nicht kann, ich nehme mir etwas vor, was ich noch nie gemacht habe und es muss genau so aussehen, wie ich will. Ich wohne jetzt neuerdings mit Jasna Fritzi Bauer zusammen, also wir wohnen nur zusammen. Wir verstehen uns, es ist unkompliziert, keine Attitude, sie hat einfach Style. Jedenfalls wollte sie, dass ich etwas für die Küche mache. Ich hole das Holz im Baumarkt, ich zeichne, schraube stundenlang, ich darf keinen Profi fragen, das ist meine Regel, außer natürlich die Leute im Baumarkt. Ich setze mir eine Aufgabe, ich übe – und scheitere daran.

Das klingt wie im Theater. Das will ich nicht hoffen. Aber auch im Theater muss ich mit Gesetzmäßigkeiten und Tools umgehen.

Tipp

„Dantons Tod“ von Büchner, in der Regie von Jan Bosse, mit Joachim Meyerhoff in der Titelrolle, hat am 24. 10. im Burgtheater Premiere; www.burgtheater.at

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