Early Bird Box Challenge

Oder: Warum die kalte Progression kaum gegen die Erderwärmung hilft.

Mit dem Schnee ist es wie mit den meisten Dingen: Entweder es gibt zu viel davon oder zu wenig. Gerade richtig existiert immer nur in Nachbars Garten. Schneeschaufel statt Schneekanone ist also auch wieder nicht recht. Gut zu wissen. Die Bereitschaft, Klimaphänomene oder eben das Wetter (je nachdem, wie man will) in den Mittelpunkt zu stellen, ist jedenfalls unverändert groß. Massenhaft Schnee im Jänner in Österreich ist prinzipiell immer noch eher eine Geschichte der Kategorie „Hund beißt Mann“ als umgekehrt. Möchte man meinen. Was wirklich überrascht und ratlos macht: Wenn Menschen für einen Skitag ihr Leben – und vor allem auch das potenzieller Retter – aufs Spiel setzen.

Die Regierung, der in Umweltfragen nicht gerade größter Eifer nachgesagt wird, hat jedenfalls nun bei ihrer Regierungsklausur diese Woche eine erste nachhaltige Maßnahme gegen die Erderwärmung gesetzt: Die kalte Progression bleibt über die Legislaturperiode hinaus bestehen. Damit es den Steuerzahlern ja nicht zu warm wird.

Sonst wendet sich die türkis-blaue Koalition neuen Zielgruppen zu. Statt in klassischen politischen Gruppierungen wie Unternehmern und Arbeitgebern zu denken, zerfällt die Bevölkerung nun in Früh- und Spätaufsteher. Wer das morgendliche Semmelholen beim Bäcker nicht als politisches Statement verstanden wissen will, sollte das vielleicht noch einmal extra klarstellen. Der Bundeskanzler könnte als Art Zwischenwahlkampf zu einer Early Bird Box Challenge aufrufen: Alles, was man tun muss, ist im Morgengrauen aufzustehen, die Augen braucht man sich nicht extra zu verbinden, weil es ohnehin noch dunkel ist. Fehlt nur noch, dass die Post, nachdem sie heikle Kundendaten löschen musste, versucht, bei der Zustellung herauszubekommen, wo schon früh Licht brennt, um neue Daten über die politische Präferenz ihrer Kunden verkaufen zu können.

Ein bisschen früher hell und deutlich später dunkel wird es in Griechenland. Wer auf dem Höhepunkt der Eurokrise darauf gewettet hätte, dass Alexis Tsipras Anfang 2019 noch griechischer Regierungschef sein und die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel, freundschaftlich in Athen empfangen würde, hätte wohl eine Menge Geld verdienen können. Auch davon hat man übrigens immer zu wenig oder – deutlich seltener – zu viel.

florian.asamer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2019)

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