Cartier: Gutes tun, auf die beste Weise

Auch bei Hilfsprojekten ist Cartier anspruchsvoll: Seit fünf Jahren widmet sich das Haus mit einer eigenen Stiftung dem Thema der Philanthropie. Nun spricht man erstmals darüber.

Bildung. Diese Mädchen besuchen eine Schule im indischen Dorf Usar in Rajasthan.
Bildung. Diese Mädchen besuchen eine Schule im indischen Dorf Usar in Rajasthan.
Bildung. Diese Mädchen besuchen eine Schule im indischen Dorf Usar in Rajasthan. – (c) Cyril Le Tourneur d´Ison

„Ich wette", sagt Pascale de la Frangonniere, „Sie haben noch nie von uns gehört." Man tut gut daran, die Frage ehrlich mit Nein zu beantworten, die Cartier-Philanthropy-Stiftung sei einem wirklich kein Begriff gewesen. Nichts anderes würde die Französin erwarten. Fünf Jahre ist es her, dass das berühmte Pariser Juwelierunternehmen diese Stiftung gegründet hat. Erst jetzt, nach mehreren Jahren Arbeit, beginnt man darüber zu sprechen.

Dazu haben die Franzosen nach München geladen. In einer Galerie im Brienner Hof unweit des Odeonsplatzes hängen Bilder von Projekten, die Cartier unterstützt. Pascale de la Fregonniere lässt sich auf einem der weißen Hocker nieder. Begonnen, berichtet die heutige Direktorin des Programms, habe alles im Jahr 2012. „Man wollte damals darüber nachdenken, was Cartier in der Vergangenheit im Bereich Wohltätigkeit getan hatte." Was dabei herauskam, war die Erkenntnis, dass man zwar in den unterschiedlichsten Ländern viel Geld in verschiedene Projekte investiert hatte, „aber es war schwierig herauszufinden, wie viel wir wirklich getan hatten und welchen Einfluss die einzelnen Dinge hatten." Vieles war den Weg über die in der Luxusbranche üblichen Charity-Galas gegangen. „Man spendet ein Stück für eine Auktion, und das war’s."

Mutterschaft. Das Projekt „Mothers 2 Mothers“ unterstützt HIV-positive Mütter.
Mutterschaft. Das Projekt „Mothers 2 Mothers“ unterstützt HIV-positive Mütter.
Mutterschaft. Das Projekt „Mothers 2 Mothers“ unterstützt HIV-positive Mütter. – (c) Mothers2mothers/Karin Schermbrucker

Ein Zugang, der dem auf seine Professionalität bedachten Maison nicht so recht ins Selbstbild passen wollte. So gründete man, noch ganz im Stillen, eine eigene, von den sonstigen Aktivitäten unabhängige Einheit mit Sitz in Genf. Und so kam Pascale de la Fregonniere an Bord, eine Expertin im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit mit 20 Jahren Erfahrung auf der halben Welt. Begonnen hatte sie ihre Karriere mit einem Praktikum bei der UNO in New York, wenig später war sie bereits Teil des Teams des UN-Koordinators für humanitäre Hilfe in Somalia. Sie hat für die Unicef im Irak gearbeitet, war nach dem Erdbeben im Einsatz auf Haiti. Als sie den Anruf von Cartier bekam, berichtet sie, habe sie vor allem wissen wollen, wie ernst es dem Unternehmen sei. „Ich wollte wissen, ob sie nicht nur nette PR und hübsche Fotos wollen. Ich will nämlich wirkliche, harte Arbeit leisten, ich will, dass wir Leben zum Besseren wenden." Einig war man sich auch in dem Zugang, zunächst die Dinge ins Laufen zu bringen – und erst dann langsam auch darüber zu sprechen.

Mütter und Kinder. Insgesamt hat die Stiftung in den vergangenen fünf Jahren 45 Millionen Schweizer Franken ausgegeben. Die Idee dabei ist, wohlüberlegt in bereits bestehende Projekte zu investieren. „Jene", sagt Pascale de la Fregonniere, „die für das richtige Problem auf effiziente Art die richtige Lösung bieten." Paradebeispiel dafür ist die von einem Arzt in Südafrika gegründete Organisation „Mothers 2 Mothers". Deren Ziel ist es, die Übertragung von HIV von schwangeren Müttern auf ihre Kinder zu verhindern. Weil es in Afrika viel zu wenig Gesundheitspersonal gibt, um die Mütter in dieser Zeit entsprechend zu begleiten, werden selbst HIV-positive Mütter zu Mentor-Müttern ausgebildet. Sie überzeugen Schwangere von der Wichtigkeit eines HIV-Tests, stehen ihnen zur Seite, wenn das Ergebnis kommt, helfen ihnen dabei, sich an die Behandlung zu gewöhnen, und begleiten sie durch die Geburt und Stillzeit. Der Vorteil ist, dass solche Mentor-Mütter auch die Lebenswelt der Betroffenen kennen. „Sie wissen, wie es ist, in ihrer Haut zu stecken", sagt Emma France, die das Europa-Büro der NGO leitet. Und die Mütter werden dafür bezahlt – was das Stigma ihrer eigenen HIV-Infektion in den Hintergrund rücken lässt und ihren sozialen Status verbessert.

Projekte wie dieses klingen nicht nur effektiv, sie sind es auch. Die Stiftung legt großen Wert auf Messbarkeit. Im Fall von „Mothers 2 Mothers" bedeutet das: Wird eine Frau nicht betreut, hat ihr Baby ein Infektionsrisiko von 40 Prozent. Erhält sie Unterstützung durch die NGO, sinkt die Wahrscheinlichkeit auf zwei Prozent. Man wisse genau, wie viele Frauen betreut wurden, wie viele Kinder somit gesund auf die Welt kamen und auch während der Stillzeit nicht mehr infiziert wurden. Aktiv ist die NGO mittlerweile in acht afrikanischen Ländern; in Uganda, wo zehn Prozent der Bevölkerung HIV-positiv sind, wird sie maßgeblich von Cartier unterstützt.

Eigenständig. Eines von vier Fokusthemen ist die Unterstützung von Kleinbauern.
Eigenständig. Eines von vier Fokusthemen ist die Unterstützung von Kleinbauern.
Eigenständig. Eines von vier Fokusthemen ist die Unterstützung von Kleinbauern. – (c) Andrea Borgarello

In Summe fördert die Foundation 27 Partner mit vier verschiedenen Anliegen: Zum einen, Menschen einen Zugang zur Grundversorgung mit Wasser, Nahrung, Medizin und Bildung zu verschaffen, zum anderen, Frauen sozial und wirtschaftlich zu beflügeln. Drittes Standbein sind Projekte, die Kleinbauern helfen, nachhaltig mit ihren Ressourcen zu wirtschaften und Ökosysteme zu schützen, ein viertes ist die Notfallhilfe bei Naturkatastrophen. Hier, sagt Pascale de la Fregonniere mit Bezug auf den Klimawandel, „werden die Dinge schlimmer werden, bevor sie besser werden". Ein Ansatz sei, die Schäden und Opferzahlen, die solche Katastrophen verursachen, möglichst zu minimieren, „etwa indem Kinder lernen, was bei einem Wirbelsturm zu tun ist." Wichtig sei dabei eine bessere Koordination der einzelnen Organisationen. „Das passiert mehr und mehr. Wenn jeder alles versucht, helfen wir nicht wirklich."

Das Richtige tun. Überhaupt sei im Bereich der humanitären Hilfe ein Umbruch im Gange. Viele kleinere NGOs würden heute wie ein Unternehmen geführt, „manche dieser Leute kommen von den besten Wirtschaftsuniversitäten". Und gerade bei solch kleineren Projekten mache die Hilfe durch einen Partner wie Cartier oft wirklich einen Unterschied. Abgesehen davon, dass der renommierte Name dem Projekt Glaubwürdigkeit verleihen kann. Umgekehrt werden die Projekte streng geprüft, damit die Marke keinen Schaden nimmt.

Denn natürlich geht es auch um Image, wenn Luxus und Not aufeinandertreffen. Aber nicht nur. „Es geht nicht darum, unser Gewissen zu beruhigen", sagt Pascale de la Fregonniere, „es geht darum, das Richtige zu tun." Immer öfter geht es auch darum, nicht nur mit Geld zu helfen, sondern mit dem eigenen Können. In Mexiko etwa hilft die Marketingabteilung einer lokalen NGO beim Aufbau einer Website für Crowdfunding, für Jungunternehmerinnen gibt es ein Mentoring-Programm. „Uns ist wichtig, dass auch unsere Mitarbeiter verstehen, was wir tun." 

Die Autorin reiste auf Einladung von Cartier nach München.

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