Rijksmuseum und Swatch: „Vermeer rühren wir nicht an“

Dem Museum schlägt die Stunde: Swatch startet eine neue Kooperationsreihe, am Anfang steht das Rijksmuseum in Amsterdam.

Sammlung. ­­Bis 2020 sollen alle ­Werke frei verfügbar im Netz stehen.
Sammlung. ­­Bis 2020 sollen alle ­Werke frei verfügbar im Netz stehen.
Sammlung. ­­Bis 2020 sollen alle ­Werke frei verfügbar im Netz stehen. – (c) Erik Smits

„Es hat etwas von ,Nachts im Museum‘, finden Sie nicht?", sagt Carlo Giordanetti und genießt die Situation sichtlich. Auch als Swatch-Kreativdirektor – und damit Herr über eine Vielzahl wahrhaft nicht uninteressanter Projekte – hält man schließlich nicht alle Tage in einem der bekanntesten Kunstmuseen der Welt Hof und darf seine Gesprächspartner in einer menschenleeren Flucht von Sälen inmitten berühmter Meisterwerke empfangen. Hinter Giordanetti hängt das berühmteste Gemälde des Amsterdamer Rijksmuseums, es ist die „Nachtwache" von Rembrandt.

Um hierher zu gelangen, muss man einer Mitarbeiterin durch verschlossene Sicherheitstüren folgen, und selbstverständlich ist auch ein Security-Beauftragter anwesend. Ausgerechnet die „Nachtwache" ist ja jenes Gemälde, das im Laufe des 20. Jahrhunderts dreimal von wild gewordenen Besuchern des Rijksmuseums attackiert wurde – zuletzt 1990 von einem Täter, der zu Schwefelsäure griff. Und wenn auch nicht anzunehmen ist, dass unter der handverlesenen Schar an Lifestyle- und Kulturjournalisten der nächste Rembrandt-Attentäter zu finden ist: Was sein muss, muss sein.

Visionär. Carlo Giordanetti ist seit 2012 Swatch-Kreativdirektor. busam doluptati bl
Visionär. Carlo Giordanetti ist seit 2012 Swatch-Kreativdirektor. busam doluptati bl
Visionär. Carlo Giordanetti ist seit 2012 Swatch-Kreativdirektor. busam doluptati bl – (c) Swatch Ltd.

Kunstsinn. Inhaltlich hat die „Nachtwache" zwar nichts mit dem Anlass für Giordanettis abendlichen Kunstempfang zu tun. Als Flaggschiff des Rijksmuseums blickt das Rembrandt-Bild aber stimmig über die Gespräche, in denen es um die Partnerschaft der ehrwürdigen Institution mit der quietschbunten Uhrenmarke geht. Kooperationen im Kunstkontext haben bei Swatch ohnehin Tradition: 1985 wurde das erste „Art Swatch Special", gestaltet von Kiki Picasso, im Centre Pompidou vorgestellt. Seitdem durften zahlreiche Künstler antreten, um die Leinwand gegen das Zifferblatt zu tauschen. Zudem sponsert die Marke seit 2011 die Kunstbiennale in Venedig, 2008 begann man außerdem mit der Renovierung eines am Bund in Shanghai gelegenen Gebäudes, das heute als Swatch Art Peace Hotel firmiert und in dem bis zu 18 Künstler parallel in Residence-Programmen untergebracht werden. „Es ist aber für uns das erste Mal, dass wir mit nicht lebenden Künstlern arbeiten", betont Giordanetti den speziellen Charakter der Kooperation mit dem Rijksmuseum. Diese soll zugleich den Auftakt zu einer Reihe vergleichbarer Partnerschaften darstellen. Schon im Oktober wird man bekannt geben, mit welchem Museum das Projekt fortgesetzt werden soll.

„Die Idee kam mir", erzählt Giordanetti unter den beschützenden Blicken der „Nachtwache", „als ich von dem groß angelegten Digitalisierungsprojekt des Rijksmuseums hörte." Seit Jahren laufen in Amsterdam nämlich Vorarbeiten für das Zugänglichmachen der gesamten Sammlung im Internet. Damit zählt das Haus zu den Digitalisierungspionieren und verzichtet auch darauf, die Rechte für die Reproduktion dieser Kunstwerke für sich zu beanspruchen.

„Diese Herangehensweise ist meiner Meinung nach bezeichnend für die Mentalität der Niederländer, die nicht zu Unrecht als besonders offen gelten", ist sich Giordanetti sicher. „Und das entspricht wieder der Art, wie wir bei Swatch arbeiten." Indem das Museum nämlich Abbildungen von allen Bildern und Gegenständen in seinem Besitz in guter Qualität im Rahmen des Rijksstudio-Projekts im Internet zur Verfügung stellt, übergibt es diese mit dem „Creative Commons Zero" oder CC0-Status der Öffentlichkeit – oder auch kommerziellen Nutzern – zur freien Verfügung.

Sündenfall. Eva, aus einem Bild von Cornelis van Haarlem, in Selfie-Pose.
Sündenfall. Eva, aus einem Bild von Cornelis van Haarlem, in Selfie-Pose.
Sündenfall. Eva, aus einem Bild von Cornelis van Haarlem, in Selfie-Pose. – (c) Swatch Ltd.

Verfremdung erwünscht. Die „New York Times" zitierte 2015 eine Mitarbeiterin, die mit den Vorbereitungen von Rijksstudio betraut war, wie folgt: „Unser Gedanke war, dass die digitalen Bilder ohnehin unrechtmäßig gebraucht werden. Darum wollten wir sicherstellen, dass zumindest die bestmögliche digitale Version kursiert." Manipulation und Verfremdung sind erlaubt – und von den Museumsleuten sogar eindeutig erwünscht. Das stellt auch die Grundvoraussetzung für die Arbeit des Kreativteams von Swatch dar: „Die größte Gefahr war, eine Souveniruhr zu schaffen", spricht Giordanetti einen naheliegenden Gedanken aus.

Drei Modelle entstanden so innerhalb von zwei Jahren, wobei besonders die Auswahl der Kunstvorlagen lange dauerte. „Als einer unserer Designer mit einer Idee zu einem der bekanntesten Vermeers zu mir kam, sagte ich gleich: Vergiss es, Vermeer rühren wir nicht an!", so Giordanetti. Etwa die „Dienstmagd mit dem Milchkrug" Cola trinken zu lassen, das wäre zu bemüht lustig gewesen. Gänzlich zufrieden ist der polyglotte Kreativchef hingegen mit dem blau-weißen Modell namens „Dutch Skies": Was aussieht wie Wolken, sind Rauchschwaden einer Feuerwerksexplosion in einer Gravur aus dem 17. Jahrhundert.

Mit Augenzwinkern in die Gegenwart verfrachtet wurde auch Eva aus einem Sündenfall-Gemälde von Cornelis van Haarlem. In ihre leere linke Hand wurde ihr ein Smartphone in Selfie-Pose gedrückt. „Dadurch bekommt der Bildtitel, ,The Fall of Man‘, eine ganz neue Bedeutung", sagt Giordanetti verschmitzt und erinnert an die Amsterdam-Besucher, die man tagsüber mitunter vor die heranrasenden Fahrräder straucheln sieht. Man könnte sagen: Der Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist hier zur Gänze gelungen.

Die Reise erfolgte auf Einladung von Swatch.         

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