Ein Physiker stellt die Pilatusfrage

Walter Thirring erhielt den Watzlawick-Ehrenring der Wiener Ärztekammer - und hielt eine Wiener Vorlesung über die Physik und (ihre) Wahrheit.

Physiker stellt Pilatusfrage
Physiker stellt Pilatusfrage
Physiker stellt Pilatusfrage – (c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Für eine Metaphysik des Seins“ – so lautete der Titel des Vortrags im Festsaal des Rathauses, das klang seltsam. Ein Physiker, der sich so unverfroren in das unwegsame Terrain der Metaphysik stürzt? Preisträger Walter Thirring stellte freilich mit dem ihm eigenen trockenen Humor fest, dass dieser Titel nicht von ihm stammt. Er hätte seinen Festvortrag wohl lieber „Was ist Wahrheit?“ genannt. Oder, in der Begriffswelt des Philosophen Paul Watzlawick, nach dem der Ehrenring der Ärztekammer benannt ist: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“

Denn von der Frage des Pilatus (auf die Jesus im Johannesevangelium nur mit Schweigen antwortet) ging Thirring aus – und kam schließlich darauf zurück, mit dem Vorschlag einer sehr relativen Definition: „Wahrheit ist, was in 2000 Jahren noch eine Richtigkeit haben wird.“ So hätte Jesus auf die Pilatusfrage antworten können, meint er.

Der 85-jährige Thirring, für den Helmut Rauch, selbst schon eine Vaterfigur der Physik, die Laudatio hielt, ist wohl der letzte lebende österreichische Physiker, der mit allen Giganten seiner Zunft gearbeitet hat: Heisenberg, Schrödinger, Pauli, Einstein. Und wie die meisten ganz großen Physiker hat er – zum Ärger mancher Biologen, die das Bekenntnis zum Agnostizismus oder Atheismus am liebsten allen Naturwissenschaftlern vorschreiben wollten – nie verhohlen, dass er religiös ist.

Mehr noch: Er ist Christ. Monotheist also. Und das passe gut zur Physik, meint er: „Die alten Griechen und Römer haben noch für jede Naturgewalt eine eigene Gottheit gebraucht. Heute glauben die meisten Physiker, dass alles Naturgeschehen dieselbe Wurzel hat: die eine Urkraft.“ Die Thirring durchaus – in aller Vorsicht – mit dem Göttlichen assoziieren mag.

Praktisch hat Thirring die gigantische Suche nach dieser „Urkraft“ u.a. als einer der Pioniere des CERN vorangetrieben. Was er als Theoretiker dazu beigetragen hat, schilderte er im Vortrag: Er habe das Programm des Faust – „dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“ – leicht adaptiert und ergründet, was verhindert, dass die Welt auseinanderfällt oder in sich zusammenfällt (wie z.B. in einer Supernova). Oder: Warum ist die Materie im Allgemeinen so stabil? Eine Antwort geben die Lieb-Thirring-Ungleichungen.

Dass mathematische Beziehungen so „wirklich“ sind, dass sie Antworten geben können, ist für den prototypischen mathematischen Physiker Thirring selbstverständlich, ganz im Sinn Galileis: Das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben. Und wenn Thirring sagt, dass es die Quantentheorie ist, die „verhindert“, dass die Elektronen in den Kern fallen, dann ist das vielleicht nicht nur lässige Sprechweise.

 

Und was ist der Zufall?

Welche Rolle denn da der in der Quantenphysik so zentrale Zufall spiele, fragte ein Hörer. Er überlege seit gut 60 Jahren, was der Zufall sei, antwortete Thirring schelmisch, aber er wisse es noch immer nicht wirklich. Vielleicht habe ja Albert Schweitzer recht: „Zufall ist, wo Gott inkognito agiert.“

Bei aller Freude an großen Fragen bleibt Thirring immer bescheidener Physiker, der weiß, dass man in der Wissenschaft nur relative Wahrheiten kennt. Dass man sich an die letzten Fragen immer nur herantasten kann, dass in unsere Höhle zwar Licht aus vielen Spalten dringt, wir die Höhle aber nicht niederreißen können. Und so beantwortete er auch Hörerfragen nach anderen Universen vorsichtig. Es möge ja gut sein, dass aus dem Vakuum immer wieder Universen entstehen, weil diese ja – mit der Gesamtenergie null, die sie haben – „billig in der Produktion“ seien. Aber sie seien für uns per definitionem nicht zugänglich. Damit nicht Physik, sondern Metaphysik – und die hat Walter Thirring, der große Physiklehrer, auch diesmal nicht gelehrt.

Paul-Watzlawick-Ehrenring

Die Wiener Ärztekammer vergibt den nach dem Kärntner Philosophen und Sprachwissenschaftler benannten Ehrenring seit 2008. Bisher bekommen haben ihn der Philosoph und Soziologe Peter L.Berger, die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, der Philosoph Rüdiger Safranski und der Architekt und Dichter Friedrich Achleitner.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2013)

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