Ein Dschungelcamp für neugierige Wissenschaftler

Der Geist muss fliegen, damit etwas Neues entsteht: Die Physikerin Ille Gebeshuber holt sich die Inspiration für ihre Arbeit im Regenwald.

(c) REUTERS (BAZUKI MUHAMMAD)

Am Morgen liegt die leere Zuckerdose zerbrochen auf dem Boden. Elefanten sind in der Nacht am Camp vorbeigekommen. Einer hat sich mit seinem Rüssel die Zuckerdose durch die vergitterte Küche geschnappt und den Zucker schnabuliert. Ratzeputz. Elefanten, die vorbeimarschierten, während sie schlief – das gab Salmah Karman den Rest. Schon auf der zweistündigen Bootsfahrt in den Dschungel ist sie voller Angst und Sorge gewesen. Sie ist ein Stadtmensch – urbane Malaysier gehen nicht in den Regenwald, sie gehen in Shoppingmalls. Es ist ihre Doktormutter, Ille Gebeshuber, die sie hierherverschleppt hat. Eine Österreicherin, Professorin am Institut für Microengineering and Nanotechnology der Universiti Kebangsaan Malaysia, an dem auch Salmah Karman forscht.

Im Augenblick arbeitet sie über mikroelektromechanische Systeme. Aber muss sie dafür in den Dschungel gehen? Gebeshuber weiß, warum. Sie selbst ist vom Regenwald verzaubert. „Eines Nachts sind wir durch den Wald gegangen“, erzählt sie. „Plötzlich habe ich funkelnde Diamanten gesehen, hier welche, dort welche. Ich war ganz aufgeregt. Was ist das? Wassertropfen? Es waren die Augen einer Spinne! Wenn das Licht der Stirnlampe direkt auf die Augen trifft, reflektiert es, die Spinnenaugen glitzern wie Diamanten.“

Gebeshuber ist eine Grenzgängerin in den Naturwissenschaften. Sie studierte technische Physik an der TU Wien, doch Biologie und Medizin interessierten sie genauso. Für ihre Diplomarbeit verfasste sie ein elektrisches Schaltbild der Rezeptorzellen des menschlichen Ohrs. Als Postdoc forschte sie über Kieselalgen. Als sie 1999 von einem Postdoc-Aufenthalt an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara an die TU Wien zurückkam, riet ihr ein wohlmeinender Kollege, dass sie die Biologiespielerei nun endlich lassen solle. Den Rat hat sie in den Wind geschlagen. Denn die Bionik – die Zusammenführung von Biologie und Technik – ist ihre eigentliche wissenschaftliche Domäne. Ein paar Jahre später sagte derselbe Kollege, sie müssten mehr Biologie auf der Physik machen – das sei jetzt modern.

Natürlich führt nicht jede Beobachtung im Dschungel zu einem technischen Produkt. Spinnenaugen zu studieren, um Reflektoren zu erzeugen, das kam Gebeshuber nicht in den Sinn. Es geht ihr um die Inspiration. Beispiel Kieselalgen: Mit freiem Auge betrachtet sind sie ein grünlich-bräunliches, schleimiges Gewächs. Doch eine Physikerin hat zusätzliche Augen. „Die Schönheit von Kieselalgen ist atemberaubend“, sagt Gebeshuber. Wohl nicht jede der zehntausenden Arten, aber es gibt welche, die durch ein Rasterkraftmikroskop betrachtet wie ein kunstvoll geschnitzter Eispalast erscheinen. Diese Algen bauen Glas um sich herum, um Tiere davon abzuhalten, sie zu verspeisen. Da wird es für Physiker interessant. Denn die Algen erzeugen ihr Glas bei Umgebungstemperatur, auch bei Minusgraden. Menschen benötigen Temperaturen um die 600 Grad, um Glas herzustellen.


Eiskleber? Noch etwas können Algen: einen Kleber bei minus ein Grad produzieren. „Polarkieselalgen haben eine Methode entwickelt, wie sie sich an Schnee festkleben können. Es wäre spannend, einen Eiskleber zu entwickeln.“ Wer den Kleber versteht, verstehe auch Antiklebeeigenschaften besser. So könnte man verhindern, dass Windschutzscheiben von Flugzeugen vereisen. Damit könnte Gebeshuber an ihre frühere Forschung anschließen: Sie war sechs Jahre lang am COMET-K1-Zentrum Tribologiezentrum (AC2T) in Wiener Neustadt tätig.

Der Regenwald in Malaysia und Indonesien war einer der Gründe für Gebeshuber, die Professur in Kuala Lumpur anzunehmen. 2008 war sie gemeinsam mit Ingenieuren des Flugzeugherstellers Boeing im Regenwald von Costa Rica. Die Boeing-Leute sollten sich Inspirationen für den Flieger der Zukunft holen. „Boeing schickt seine Leute in den Regenwald, um ihren Geist aufzumachen und fliegen zu lassen“, so Gebeshuber.

In Costa Rica lernte sie die Biomimicry Innovation Method kennen. Damit durchstreifte sie anfangs die Wälder in Malaysia. Alle Sinne offen, auf der Suche nach technisch Verwertbarem. „Biologisiere deine Fragen“, lautet eine Regel. Dann wird die Natur gefragt: „Welches Schmiermittel verwendest du?“ oder: „Wie bist du fest und dennoch biegsam?“

Je öfter sie in den Regenwald geht, desto freier wird sie. „Ich will etwas sehen, von dem ich noch nicht weiß, dass es das gibt.“ Es gehe nicht mehr darum, ein Blatt zu finden, das schmutzabweisend ist, und davon inspiriert eine Tischplatte zu entwickeln. „Wir nehmen den Regenwald als Inspiration, um eine neue Art der Ingenieurwissenschaften zu betreiben.“

Auch in der Forschung fühlt sich Gebeshuber zunehmend frei. „Ich mache etwas, was nicht viele tun.“ Viele Leute würden bloße Innovation machen, sie seien auf der Jagd nach neuen Produkten, nach Gadgets. „Was ich mache, kann man als Innovision bezeichnen, also das Schaffen einer Denkumgebung, die Voraussetzung ist, um Instrumente für Lösungen zu schaffen.“ Ihre Universität ermögliche ihr die freie Forschung. „Wenn ich in einem engmaschigen Forschungsprojekt drinnen wäre, hätte mein Geist nicht die Möglichkeiten, so loszufliegen.“

Dschungeltrips, Reisen, Vorträge hören, lesen – all das erweitert im Augenblick ihr Denken. Sie ist auch aktiv beim Schutz des Regenwaldes – doch es sei schwer, dies in Malaysia zu thematisieren. Als Antwort erhielte sie bloß, dass auch Europa vor 200, 300 Jahren seine Wälder abgeholzt und damit die Industrialisierung eingeläutet habe. Sie tut, was sie kann. Sie wirkt bei Programmen mit, die der Bevölkerung die Wissenschaft näherbringen. So geht sie mit 18-jährigen Schülern in den Regenwald – für die meisten von ihnen ist es das erste Mal.

Salmah Karman hat ihren anfänglichen Dschungelschock überwunden. Nun ist sie regelmäßig bei Expeditionen dabei, gemeinsam mit ihrer Freundin, der Biologin Siti Zaleha Mat Diah. Beide haben Gebeshuber als PhD-Betreuerin. Die beiden Frauen gehen in der Kleidung mit, die die meisten muslimischen Frauen in Malaysia tragen: mit einem Schleier über dem Kopf. So schwimmen sie durch Höhlenflüsse und seilen sich ab.


Bienenorientierung. Derzeit forschen sie über mikroelektromechanische Systeme. Konkret geht es um den Navigationssinn – der ist bei Menschen schlecht, bei vielen Tieren aber hervorragend entwickelt. Karman und Diah lassen sich von Wüstenameisen und Honigbienen inspirieren, die sich an polarisiertem Licht orientieren. Diese Fähigkeit wollen sie nachbauen und in ein winziges Gerät stecken, das am Körper tragbar ist. Gebeshuber ist jedenfalls von ihren „zwei Mädels“ begeistert. In kurzer Zeit hätten sie das strikte Auswendiglernen, das an vielen asiatischen Unis praktiziert wird, überwunden und kreatives Denken gelernt.

Ihre stoffreiche Bekleidung hat im Dschungel übrigens auch Vorteile: Bei den Expeditionen gelangen nicht so viele Blutegel an die bedeckten Beine der Musliminnen wie an die oft nackten Waden der Europäer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.04.2013)

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