Rätselhafte Impfstoffhelfer

Adjuvantien sind zentral für die Medizin, sie verstärken die Wirkung vieler Vakzine. Aber wie sie das tun, ist weithin ungeklärt.

Raetselhafte Impfstoffhelfer
Raetselhafte Impfstoffhelfer
Raetselhafte Impfstoffhelfer – (c) www.BilderBox.com (www.BilderBox.com)

Seit über 80 Jahren wird vielen Impfstoffen (Vakzinen) etwas beigemischt, was die Wirkung erhöht, von dem man aber nicht viel mehr kennt als den Namen: Es heißt Adjuvans und ist meist eine Aluminiumverbindung, heute Aluminiumphosphat und Aluminiumhydroxid, früher Aluminiumkaliumsulfat. Dass das die Reaktion des Immunsystems verstärkt, bemerkte der Brite Alexander Glenny 1926, bald wurde es vielen Impfstoffen zugesetzt, später kamen andere Adjuvantien, „Alum“ blieb führend. „Es ist eines der am häufigsten verwendeten Bestandteile der modernen Medizin“, erklärt Immunologe Bert Lambrecht (Gent).

„Und es ist erstaunlich, wie wenig wir darüber wissen“, ergänzt Philippa Marrack (Denver): Die Wirkungsweise ist bis heute ungeklärt. Glenny setzte auf die „Depot-Hypothese“. Demnach sorgen Adjuvantien dafür, dass der Impfstoff – etwa ein geschwächter Krankheitserreger – im Körper lange dort bleibt, wo er gespritzt wurde, und nur langsam freigesetzt wird. Das galt lange, aber 2012 wurde es an Versuchsmäusen widerlegt, von James Brewer (Glasgow). Er spritzte eine Impfung und entfernte zwei Stunden später das Gewebe um die Einstichstelle herum: Die Impfung wirkte doch, ganz ohne Depot.

Dann können Adjuvantien nur so funktionieren, dass sie selbst mit dem Immunsystem interagieren, via „inflammasome connection“ etwa. Das ist eine Kaskade, in der ein Proteinverband in Zellen Krankheitserreger entdeckt. Dann alarmiert er Immunzellen, die setzen Botenstoffe frei, Interleukin-1β etwa, und die sorgen für verstärkte Produktion von Antikörpern, das sind die Mitglieder des Immunsystems, die Krankheitserreger neutralisieren – und die sich durch die Impfung in neue Erreger einlernen sollen.

Darauf deutete, dass eine Impfung mit Alum-Adjuvans nicht wirkte, als ein Protein des „inflammasome“ ausgeschaltet wurde, Nalp3. Aber das lag nicht an Nalp3, sondern am Alum: Mit einem anderen Adjuvans wirkte der Impfstoff. Bleiben zwei Kandidaten, zum einen die Wächter, die im Blut patrouillieren und die Abwehr alarmieren, die dendritischen Zellen. Auf sie deutet viel, aber anderes weist auf DNA aus Körperzellen, die von Alum getötet werden. „Es sieht immer mehr nach einem multiplen Mechanismus aus“, schließt Albrecht (Science, 341, S.26). Geklärt muss er werden: Adjuvantien werden immer wichtiger, da Impfstoffe zur Vermeidung von Nebenwirkungen immer kleinere Teile der Krankheitserreger enthalten. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2013)

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