Kleiner Unterschied, im Gehirn ganz groß: Frauen denken quer

Auch Gehirne sind geschlechtsspezifisch, man realisiert es seit einigen Jahren. Die Differenzen sind nicht auf Regionen beschränkt, sie beherrschen die ganze Struktur.

(C) REUTERS

Sind Männer und Frauen gleich? Na ja, äußerlich zeigen sich Differenzen, aber im Kern, also im Gehirn, finde sich allenfalls ein ganz kleiner Unterschied: „Sex differences in the brain“, gebe es nur dort, wo es um „Sex“ gehe, ansonsten seien die Gehirne beider Geschlechter deckungsgleich. So fasste vor nicht gar so langer Zeit, 1966, der Psychologe Seymour Levine den Stand seiner Zunft zusammen. Der kleine Unterschied lebe nur dort, wo die Produktion von Sexualhormonen – vor allem: Östrogen – gesteuert wird, im Hypothalamus, der für die Kontrolle von basalem Verhalten – Essen, Trinken, Sex – zuständig ist. Und von dort schlage das Geschlechtsspezifische dann auf das Balzen etc. durch. Im Rest des Gehirns gebe es hingegen keine Differenzen, zumindest von der Natur her nicht.

 

Mädchen mögen Puppen, Buben Autos

Das hielt bald 50 Jahre, dann zeigten sich Unterschiede, allerorten: Manche Hirnregionen sind bei Männern größer, andere bei Frauen. Und kleine Mädchen greifen lieber nach Puppen, kleine Burschen bevorzugen Spielzeugautos. Das mag zum Teil kulturelle Gründe haben, aber im Experiment wählten auch kleine Meerkatzen geschlechtsspezifisch. Mädchen wieder schauen lieber in Gesichter, Buben auf mechanische Geräte. Das tun selbst Babys, die gerade einen Tag alt sind. Simon Baron-Cohen (Cambridge) hat es bemerkt, und er ist dem Geschlecht im Gehirn auch anderswo auf der Spur: Mit Autismus sind vornehmlich Männer geschlagen, bei vielen anderen Leiden des Gehirns ist ebenfalls überwiegend ein Geschlecht betroffen.

Natürlich prägt die Differenz auch den Alltag. Jeder Stammtisch weiß es, und sicher ist zumindest, dass Männer besser in Geometrie sind und eine bessere Orientierung im Raum haben. Mit einer Ausnahme: Wenn Frauen einmal auf einem Markt waren, erinnern sie sich das nächste Mal, wo sie gut eingekauft haben. Da mag die Natur mitspielen: Die Erinnerung an Orte wird gefördert von Oxytocin, einem Hormon, das Frauen beim Gebären hilft und ihre Bindung zu den Kindern stärkt. Ihre Kinder mussten die Mütter aber erst wieder finden, als sie in Zeiten des Jagens und Sammelns herumschweiften.

Auch für die Entscheidung darüber, wo sie herumschweifen sollten, brauchten diese Frauen eine gute Erinnerung an Raum und Zeit: Wo gab es das letzte Mal Früchte? Und wann waren die reif? Die Männer hatten andere Sorgen: Sie waren über große Distanzen Wild hinterher, das brauchte abstrakteren Umgang mit Raum, daher die gute Geometrie. Ein anderes Problem hingegen teilen die Geschlechter, beim Werben haben sie es mit Rivalen bzw. Rivalinnen zu tun. Da geht es unter Männern eher grob zu, Frauen bevorzugen es feiner: Sie nutzen soziale Information, sind bessere Beobachter, und ihre Gedächtnisse speichern Details besser, die von Gesichtern etwa. Das hat Ragini Verma (Penns) gezeigt. Aber wo sitzen die Differenzen? Bisher konzentrierte man sich auf einzelne Hirnregionen, nun hat Verma das ganze Gehirn ins Visier genommen bzw. sein „Konnektom“, das ist die Gesamtheit der Verbindungen im Gehirn. Die sehen bei Kindern gleich aus, aber mit Beginn der Pubertät entwickeln sie sich unterschiedlich: Bei Männern laufen die Bahnen bevorzugt in jeder Gehirnhälfte von hinten nach vorn. Hinten sitzt die Wahrnehmung, vorn die koordinierte Aktion, die Verschaltung beider bringt rasches Handeln.

Bei Frauen geht es eher quer: Da kommuniziert die linke Hirnhälfte, in der analysiert wird, mit der rechten, in der die Intuition haust. „Bei Aufgaben, die Logik und Intuition brauchen, sind Frauen besser“, schließt Verma (Pnas, 2.12.). Ist also der kleine Unterschied doch riesengroß, sind „Männer vom Mars“ und „Frauen von der Venus“, wie der Therapeut John Gray in seinem Bestseller 1992 vermutete? „Natürlich sind immer auch Individuen unterschiedlich“, mildert Verma.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2013)

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