Alte Imperien als aktuelle Wegweiser

Die Großreiche der Geschichte sind in den Fokus der Geschichtsforschung getreten.

Die kapitolinische Wölfin mit den Knaben Romulus und Remus. Museo Nuovo im Palazzo dei Conservatori, Rom.
Die kapitolinische Wölfin mit den Knaben Romulus und Remus. Museo Nuovo im Palazzo dei Conservatori, Rom.
Die kapitolinische Wölfin mit den Knaben Romulus und Remus. Museo Nuovo im Palazzo dei Conservatori, Rom. – Wikipedia

„Imperiengeschichte ist Machtgeschichte.“ Inklusive der Geschichte der Machtlosen, der Unterdrückten, fügt Michael Gehler, Professor für Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Professor an der Universität Hildesheim, hinzu. Die Geschichte der Imperien sei seit etwa 20 Jahren hochaktuell, sie hat in der Geschichtsforschung die bisherige Fokussierung auf die Alltagsgeschichte abgelöst, zudem lasse sie Rückschlüsse auf künftige Szenarien zu.

Das Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Forschungsschwerpunkt Historisch-Kulturwissenschaftliche Europawissenschaften an der Uni Wien stellten Ende März mit dem Workshop „Imperien im raum- und epochenübergreifenden Vergleich“ einen ihrer Forschungsfokusse vor. Anstoß für eine breitere Diskussion liefert unter anderem ein neues Kompendium, „Imperien und Reiche in der Weltgeschichte“, von Michael Gehler und Robert Rollinger, Universität Innsbruck (Herausgeber) mit gleich 1762 Seiten.

Wer macht überhaupt Imperien zu Imperien? Die Nachwelt und in dieser die Historiker, sagen Gehler und Rollinger übereinstimmend. Die Präsenz in der Nachwelt sei ein entscheidendes Merkmal. Wobei die Historiker heute gleich von einem Bündel an Merkmalen, die letztendlich ein Imperium ausmachen, ausgehen: Es gehe um Multiethnizität und Multikonfessionalität, um eine hohe Bevölkerungszahl in diesen Reichen, um eine große territoriale Reichweite, die nicht immer mit scharfen Grenzen versehen sein muss. Weiters um Macht, um das Gefälle vom Zentrum zu den Peripherien eines Reiches, um das Militär, die Ökonomie, die generationenübergreifende Dauerhaftigkeit und die Schriftlichkeit, dokumentiert in der Verwaltung und Organisationsfähigkeit.


Überraschende Einblicke.
In den 60 Beiträgen, die im Imperienband von Gehler und Rollinger behandelt werden, liefern die Autoren auch überraschende Einblicke. Die religiöse Toleranz im Osmanischen Reich war beispielgebend und hebe sich von der aktuellen Politik des türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan deutlich ab. China habe seine Expansion nicht durch das Militär, sondern durch das Einsickern von Siedlern geschafft. Auch das Britische Empire, das an Ausdehnung größte Reich der Weltgeschichte, sei nicht primär durch militärische Expansion, sondern durch britische Handelskompanien entstanden. Die USA werden gegenwärtig zumeist als die einzige verbliebene Weltmacht bezeichnet. Dazu kommen „re-etablierende“ Großmächte wie Russland, China, Indien, Brasilien und EU-Europa. Hans Jürgen Schröder (Uni Gießen) sieht die USA im Selbstverständnis ihrer Bürger nicht als Imperium.

Die Forschung in der vergleichenden Geschichte der Imperien ist noch lange nicht abgeschlossen. So sind nach Aussage der Wiener Historiker die Kirchen und Religionen für Reichsbildungen identitätsstiftend, aber sie seien bisher – und teilweise auch noch derzeit – ein Stiefkind der Forschung.

BUCH

Neuerscheinung.„Imperien und Reiche in der Weltgeschichte. Epochenübergreifende und globalhistorische Vergleiche“, herausgegeben von Michael Gehler und Robert Rollinger, gibt dem Thema „Imperium“ erstmals einen welthistorischen Rahmen. Erschienen im Harrosowitz-Verlag, 2014, 203,60 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.04.2014)

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