Ernährung der Mütter prägt Gene der Kinder

Genaktivitäten in Föten werden u.a. von Methylgruppen gesteuert, die Schwangere essen und weitergeben.

Frauenhand und Baybfinger
Frauenhand und Baybfinger
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Agouti-Versuchsmäuse, bei denen alle genetisch identisch sind, gibt es in verschiedenen Phänotypen, dünn und grau, fett und gelb, seit 60 Jahren staunt man darüber. 2006 fand David Martins (Sydney) die Lösung: Er hatte bei manchen trächtigen Weibchen, mitten in der Tragezeit, die Ernährung umgestellt, bei anderen nicht. Der Unterschied lag in verschiedenen Zusätzen – Folsäure und Vitamin B12 etwa –, die alle Methylgruppen enthalten. Werden die an Gene angehängt, ändern sie deren Aktivität, sie können sie steigern oder auch bremsen.

Das ließ die Jungen, je nach Nahrung der Mütter, einen anderen Phänotyp annehmen als den der Mütter. Damit war Lamarck wieder da – vererbt wird nicht nur, was in den Genen steht, sondern auch, was aus der Umwelt kommt –, und damit ergab sich die Frage, wie es bei Menschen ist. Denn auch an ihnen hatte man schon Eigenartiges bemerkt, etwa an Kindern, die in den Niederlanden im „Hungerwinter“ 1944/45 ausgetragen wurden. Da hatten die Deutschen das halbe Land von der Versorgung abgeschnitten.

 

Experimentierfeld der Natur: Gambia

50 Jahre später häuften sich bei den damals Ausgetragenen bestimmte Leiden, Diabetes etwa. An den Genen konnte das nicht liegen – im Rest der Niederlande gab es den Effekt nicht –, es musste die Ernährung der Mütter sein. Aber wie? Retrospektiv lässt es sich nicht klären, es braucht aktuelle Daten. Eine Gelegenheit bietet Gambia: Dort gibt es ein fettes halbes Jahr und ein mageres, es liegt an Trockenzeit/Regenzeit und daran, dass die Menschen Bauern sind, die sich von den eigenen Feldern ernähren. Branwen Hennig (London) nutzte das: Er rekrutierte Frauen, die auf den Höhepunkten des fetten bzw. des mageren Halbjahrs schwanger wurden, er nahm ihnen Blut ab.

Das tat er dann auch bei den Neugeborenen, zusätzlich analysierte er ihre Haare. In beiden fand er die gleichen Methylierungsmuster, und die hingen mit dem zusammen, was die Mütter an Methylgruppen zur Verfügung hatten, wieder etwa in Form von Folsäure. Aber es zeigte sich gerade umgekehrt wie erwartet: Die schlechter ernährten Schwangeren statteten ihre Föten mit mehr Methylgruppen aus (Nature Communications, 29.4.). Wie das zugeht, ist unklar, und welche Effekte die unterschiedlichen Methylierungen bringen, wird sich erst später im Leben der nun Geborenen zeigen. (jl)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2014)

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