Soziopathen: Tricks und Taktiken der Skrupellosen

Aufgeblättert. Krank oder böse? Soziopathen sind Menschen, die andere skrupellos quälen und sich nicht an Normen halten. Ein Buch beschreibt diese Persönlichkeitsstörung.

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(c) APA (Harald Schneider)

An der Stelle ihrer Seele klafft ein Loch: „Was Soziopathen fehlt, das ist etwas, das ihr Leben mit Sinn und Herzenswärme erfüllt“, schreibt die amerikanische Psychologin Martha Stout in ihrem Buch „Der Soziopath von nebenan“.

Soziopathen sind Menschen, die ihr Spiel mit anderen Menschen treiben. Als Kinder quälen sie Tiere und als Erwachsene schrecken sie vor sexuellen Übergriffen nicht zurück. So berichtet Stout etwa über einen skrupellosen Geschäftsmann, der Familie wie Geschäftspartner gleichermaßen hintergeht und ausnützt, oder über eine Hochstaplerin, die sich als Therapeutin ausgibt und Patienten wie Kollegen in einer Klinik schikaniert.

Der Grund, warum sie sich entschlossen habe, das Buch zu schreiben, waren die vielen, oft jahrelang von Soziopathen seelisch gequälten und manipulierten Opfer, die schließlich die Hilfe der Psychologin suchten. Soziopathen zu erkennen, falle allerdings nicht leicht, denn sie geben sich charmant, sind meist attraktiv und ziehen andere Menschen leicht in ihren Bann.

„Hellhörig sollte man werden, wenn sie nach ihren Vergehen um Mitleid betteln“, empfiehlt Stout. „Soziopathen empfinden allerdings nie wirklich Schuldgefühle und fühlen sich niemandem verpflichtet“, erklärt sie weiter. Typisch für Soziopathen ist zudem, dass sie notorische Lügner sind.


Wenn andere noch so leiden

Während Stout davon spricht, dass bis zu vier Prozent der Bevölkerung von einer solchen soziopathischen Persönlichkeitsstörung betroffen sind, scheint diese Zahl dem Vorarlberger Psychiater Univ.-Prof. Dr. Reinhard Haller etwas hoch gegriffen: „Tatsächlich sind weniger als ein Prozent von einer solchen soziopathischen Persönlichkeitsstörung betroffen. Es handelt sich dabei aber nicht um eine Krankheit sondern um eine Charaktereigenschaft, die allerdings kaum veränderbar ist.“

Soziopathie, so auch Stout, sei so gut wie unbehandelbar – vor allem auch deshalb, weil die Betroffenen kaum Einsicht in ihr Verhalten zeigen, selbst wenn andere noch so sehr darunter leiden.

„Soziopathie bedeutet, keine Normen einzuhalten – weder gesellschaftliche Normen noch Vorschriften oder Verkehrsregeln“, schildert Haller. Meist zeichnet sich die soziopathische Persönlichkeitsstörung schon im Kindesalter ab: „Typisch sind Schule schwänzen, Tierquälereien und Brandlegungen.“ Haller erklärt auch, dass die Störung in negativen Erziehungseinflüssen wurzelt – „in fehlender Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit“.

Erforscht werden auch erbliche Komponenten und abnorme Funktionen der Großhirnrinde. Wie Stout in ihrem Buch beschreibt, zeigen Probanden beim Lösen von Aufgaben mit emotional besetzten Wörtern – zum Beispiel „Liebe“ – normalerweise typische Muster der Hirndurchblutung, die sich von jenen beim Lösen trockener Sach-Aufgaben deutlich unterscheiden. Nicht so bei Soziopathen: „Beim Versuch, eine Aufgabe mit emotionalen Wörtern zu lösen, haben Soziopathen mehr oder weniger so reagiert, als wären sie aufgefordert worden, eine Rechenaufgabe zu lösen“, schildert Stout. Neuerdings wird unter Hirnforschern jedoch diskutiert, dass diese neuronalen Befunde Folgen der Beziehungs-Defizite und des fehlenden emotionalen Ansprechens in der kindlichen Entwicklung sein könnten, wie Haller berichtet.

Im Gegensatz zu Stout meint der Vorarlberger Psychiater jedoch, dass Soziopathen mitunter sehr wohl an den Folgen ihrer Störung leiden könnten: „Schließlich verlieren sie häufig den Arbeitsplatz oder werden immer wieder straffällig.“ Fest steht aber auch für ihn, dass Soziopathen auf Grund ihres einnehmenden Wesens oft nur schwer zu erkennen sind. „Ganz wichtig ist es für Menschen in ihrem Umkreis, sich so rasch als möglich abzugrenzen, wenn sie das Gefühl haben ausgenützt und hintergangen zu werden.“


Scheinheiligkeit erkennen

Das frühzeitige Erkennen von Scheinheiligkeit, die Fähigkeit zur Reflexion und die Erziehung zu einem gesunden Selbstvertrauen sind jedenfalls präventive Strategien, die verhindern, Opfer von Soziopathen zu werden – so wie Stout am Beispiel eines couragierten Mädchens schildert, das zu einem Frösche-quälenden Mitschüler ganz einfach sagt: „Hör auf damit – das ist gemein!“

„Der Soziopath von neben an. Die Skrupellosen: ihre Lügen, Taktiken und Tricks“, Springer-Verlag, ISBN-10 3-211-29707-3, 29,95 €.

SIE LIEBEN NICHT

Gewissenlos: Soziopathie ist eine Persönlichkeitsstörung. Wichtiges Symptom: fehlendes Gewissen.

Täuschung:Soziopathen empfinden weder Schuld noch Reue. Sie können nicht lieben und lernen früh, Gefühle vorzutäuschen.

Ein Buch will möglichen Opfern helfen, Soziopathen zu erkennen und sich vor ihnen zu wappnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2007)

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