Öffentliches Erbmaterial: Dr.Venter zeigt seine Gene

Erstmals wurde die DNA-Sequenz eines einzelnen Menschen publiziert: Sie stammt von einem Pionier des Metiers – und zeigt auch seine Schwächen.

(c) AP

Das Individuum, dessen Genom in diesem Bericht beschrieben wird, ist J.Craig Venter, der am 14.Oktober 1946 geboren wurde“, heißt es trocken in einem Artikel im OpenAccess-Journal PlOS Biology (5, e254), dessen Autorenzeile mit demselben Namen endet: J.Craig Venter. Denn dieser ist nicht irgendein „caucasian male“ (wie's in PlOS heißt, ungefähr: „weißer Mann“), sondern die wohl schillerndste Figur in der Geschichte der Sequenzierung des menschlichen Genoms.

Er hat damit das Rennen gegen einen zweiten Pionier gewonnen: Nobelpreisträger James Watson, Mitentdecker der DNA-Struktur. Watson bekam seine DNA-Sequenz – die Buchstaben, die für die ca. drei Milliarden Basen stehen, die er in jeder seiner Zellen trägt – in digitaler Form bereits am 31.Mai dieses Jahres auf zwei DVDs überreicht: „I'm thrilled to see my genome“, sagte er – doch Konkurrent Venter hatte schon eine Woche davor seine Sequenz in einer Datenbank hinterlegt. Öffentlich gemacht hat er sie nun als Erster – und zwar komplett (das heißt, soweit es mit heutiger Technik möglich ist, es gibt immer noch Passagen auf den Chromosomen, die z.B. aufgrund allzu üppiger Wiederholungen unlesbar sind).

Watson dagegen hatte seine genetische Offenheit begrenzt. Ein Gen wolle er nicht publizieren, sagte er, ApoE, ein Gen für den Fettstoffwechsel: Seine Ausprägung korreliert mit der Wahrscheinlichkeit, dass sein Träger an Alzheimer erkranken wird.


Überdurchschnittliches Alzheimer-Risiko

Venter kennt auch da keine Zurückhaltung. In PlOS liest man unter anderem, welche Ausprägung seine ApoE-Gene haben: auf einem Chromosom ApoE3 – die „normale“ Variante –, auf dem anderen ApoE4, die Variante, die mit höherem Alzheimer-Risiko und auch mit höheren Triglyzerid-Werten korreliert. Auch sonst finden sich in Venters DNA einige Genvarianten, die auf erhöhte Anfälligkeit für Herz- und Gefäßkrankheiten hinweisen. „Ich nehme jetzt cholesterinsenkende Mittel ein“, erzählt Venter.

Etliche Genvarianten, die mit Nikotinabhängigkeit korrelieren, werden aufgelistet – zumindest kennt man keine Bilder mit Zigarette –, aber auch Gene, die mit Neugier („novelty seeking“) zu tun haben. Hier hat er von einem Gen (DRD4) die Version, die die Genetiker mit wenig Neugier assoziieren. Für Frühschichten im Labor wenigstens hat ihn offenbar die Ausprägung seines Clock-Gens prädestiniert...

„Mit seinem sonnengebleichten Haar, dem muskulösen, gebräunten Körper und seinem Hang zum Vergnügen wirkte er wie die perfekte Verkörperung von südkalifornischer Vitalität“, schwärmte ein Biograf über den jungen Venter. So genau liest man das nicht aus dem Genom, in einem Gen fanden die Analytiker freilich gleich zwei „single-nucleotide polymorphisms“ (SNPs), die mit blauen Augen und hellem Haar in Verbindung gebracht werden.

SNPs – also Variationen in einer einzigen DNA-Base – bilden die häufigsten Unterschiede zwischen menschlichen Genomen. Das bestätigt die Venter-Analyse: Sie fand 4,1 Millionen Abweichungen vom „Normal-Genom“; 3,2 Millionen davon sind SNPs. Aber auch Insertionen, Deletionen und unterschiedliche Anzahlen ganzer Abschnitte – wo viel mehr Basenpaare betroffen sind – sind häufig. Und 44Prozent der Gene Venters sind heterozygot, liegen also in zwei verschiedenen Ausprägungen vor (eine vom Vater geerbt, eine von der Mutter).


„Wirklich Individualisten“

„Mit dieser Publikation zeigen wir, dass die Variationen von Mensch zu Mensch siebenmal so groß sind wie bisher geschätzt“, sagt Venter selbst: „Wir Menschen sind, genetisch gesehen, wirklich Individualisten.“

Und was brachte ihn dazu, seine genetische Individualität zu enthüllen? „Natürlich die Neugier des Forschers“, sagt Venter: „Aber ich wollte auch zeigen: Ich habe keine Angst vor meinem genetischen Code und bin bereit, ihn ins Internet zu stellen. Bis vor kurzem stand das Sequenzieren menschlichen Erbguts ja unter strengster Geheimhaltung. So wissen wir bis heute nicht, von welchen Personen die staatlich finanzierten Laboratorien (des Human-Genom-Projekts) das Erbmaterial genommen haben.“

Über die Konkurrenz-Analyse von „Celera“, der Firma, der Venter bis 2002 vorstand, war bald nach Publikation bekannt geworden, dass eine der sechs Personen, deren DNA – in vermischter Form – sequenziert worden war, Venter selbst war. Schon damals warf man ihm vor, ganz persönliche Interessen zu verfolgen. Und schon seit damals nimmt er Medikamente, die seinen genetisch bedingten Schwächen vorbeugen sollen.

ZUR PERSON: Craig Venter

US-Biochemiker. Nahm zuerst am staatlichen „Human Genome Project“ (HGP) teil, verließ es 1992 im Zorn. 1998 gründete Venter die private Firma „Celera Genomics“ (von „celer“ = schnell), die mit dem HGP einen Wettlauf um die Sequenzierung des menschlichen Genoms begann und sich auf Venters Schnellmethode „Shotgun Sequencing“ verließ. Bald warf man ihm vor, rücksichtslos Gene „verkaufen“ zu wollen.

„Entschlüsselung“. 2001 publizierten HGP und Celera simultan Versionen des Genoms, beide freilich lücken- und fehlerhaft. 2002 trat Venter als Celera-Präsident zurück, gründete ein „Craig Venter Institute“, das u.a. Bakterien en masse sequenziert und verspricht, bald individuelle Genome von Menschen in wenigen Sekunden zu analysieren, für nur 3000Dollar.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2007)

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