Dreidimensionales Hören trotz Taubheit

An der Akademie der Wissenschaften werden die Geheimnisse der Psychoakustik enträtselt.

WIEN. (ku). Schwerhörigkeit und Taubheit entstehen dann, wenn irgendwo zwischen Außenohr und Hirnrinde der Informationsfluss gestört ist. Viele Probleme können durch konventionelle Hörgeräte behoben werden – bei diesen nimmt ein Mikrofon die Schallwellen auf und verstärkt sie über einen Lautsprecher. Ist das Hörvermögen zur Gänze weg, dann hilft diese Methode nichts mehr. Seit dem Jahr 1977 kann aber auch diesen Menschen geholfen werden: Ingeborg und Erwin Hochmair haben erstmals einem Patienten ein „Cochlea-Implantat“ – Cochlea ist die Hörschnecke – eingesetzt: Dieses nimmt die Schallwellen auf und setzt sie in elektrische Impulse um, die dann direkt den Hörnerv stimulieren.

Die Hochmairs haben im Jahr 1989 das Unternehmen Med-El gegründet, sie zählen seither zur Weltelite bei Cochlea-Implantaten. Die Qualität wird immer besser – und immer mehr Funktionen des natürlichen Hörens können durch die „Prothesen“ nachgebildet werden. Zum Beispiel das „bilaterale“ Hören – also das Hören mit beiden Ohren: Durch die Implantation von zwei Geräten kann einem Patienten das Raum-Hören zurückgegeben werden.


Kontrollierte Zufälle

Menschen mit normalem Hörvermögen können Schallwellen durch mehrere Mechanismen räumlich orten: durch Lautstärkeunterschiede zwischen linkem und rechtem Ohr, durch Klangunterschiede (weil die Ohrmuschel je nach Einfallwinkel den Klang verändert) sowie durch Laufzeitunterschiede. Letztere sind für das räumlich Hören besonders wichtig: Kommt ein Laut von der Seite, dann braucht er zum gegenüberliegenden Ohr länger als zum näher liegenden. Die Zeitdifferenz sagt also etwas über die Lage im Raum aus, das Gehirn setzt diese Information automatisch in einen 3-D-Höreindruck um.

Mit zwei Cochlea-Implantaten lässt sich das nachahmen. Doch die Technik arbeitet noch nicht so exzellent wie die Natur: Mit der Zeit verlieren Patienten wieder den räumlichen Höreindruck. Am Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) haben Bernhard Laback und Piotr Majdak nun entdeckt, warum das so ist: Es liegt daran, dass die regelmäßige elektrische Anregung des Hörnervs die Hörverarbeitung im Gehirn quasi „einschläfert“. Die Forscher haben in die Signale nun kontrollierte Zufälligkeiten eingeführt – also eine Art genau gesteuertes Rauschen. Und sie hatten Erfolg: Das Raumhören der Versuchpersonen konnte deutlich verbessert werden. Kontrollierte Zufälligkeiten halten also das beidohrige Hören wach.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2008)

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