Die Angst des Sportlers vor dem Wettkampf

Wettkampfangst gilt grundsätzlich als gut erforscht. Wie Sportler Wege aus der Angstspirale finden, wurde bisher aber wenig untersucht. Sportpsychologen interessiert dabei nun auch, ob es Unterschiede gibt.

TENNIS - WTA, French Open 2014
TENNIS - WTA, French Open 2014
TENNIS - WTA, French Open 2014 – GEPA pictures

Nur noch wenige Tage bis Fußballnationalteams aus aller Welt bei der 20. Fußballweltmeisterschaft um den begehrten Titel kämpfen. Fußballfans rund um den Globus stehen in den Startlöchern, um mit ihren Helden mitzufiebern. Wie sehr sich die 32 Mannschaften auch unterscheiden mögen, so verbindet sie doch eines: die in sie gesetzten Erwartungen und damit auch der Druck auf die Spieler sind enorm.

Hohe Erwartungen gehören zum Leben eines Spitzensportlers. Sie können jedoch mit ein Auslöser für Wettkampfangst sein, die jeden Sportler unterschiedlich stark betrifft.

Modelle zur Wettkampfangst. In der Sportpsychologie, die Sportwissenschaft und Psychologie verbindet, zählt Wettkampfangst zu den am meisten untersuchten Gebieten. Bei der Erforschung ihrer Entstehung, Ursachen und Wirkung entwickeln Experten immer wieder neue Theoriemodelle.

Schon 1990 publizierte Rainer Martens ein multidimensionales Modell von Wettkampfangst, das von Lew Hardy erweitert wurde. Für deren Entstehung spielen demnach sowohl die physiologische als auch die kognitive Ebene, etwa die Einstellung gegenüber dem Wettkampf, eine Rolle. Ein Aspekt blieb jedoch lang unterbelichtet, nämlich wie Sportler diese Angst kompensieren. Aus diesem Defizit heraus entwickelte Wen-Nuan Kara Cheng 2009 ein dreidimensionales Modell für Wettkampfangst, das erstmals auch Bewältigungsmechanismen integriert hat.

„Diese sind eine wichtige Zusatzinfo und bilden sowohl für uns Sportpsychologen als auch für Trainer eine bessere Arbeitsbasis“, sagt Martin Kopp, Professor für Sportpsychologie und Leiter des Instituts für Sportwissenschaft der Universität Innsbruck. Dort orientiert man sich stark an diesem Modell, und auch der von Cheng um diese Bewältigungsdimension erweiterte Fragebogen zur Messung von Wettkampfangst (Three-Factor Anxiety Inventory, TFAI) wird in der deutschen Übersetzung verwendet.

Geschlechter im Stress. Oft hat Wettkampfangst eine verminderte Leistung zur Folge. „Das drückt sich etwa beim Basketball in einer schlechteren Freiwurfleistung aus“, sagt Kopp. „In einem Experiment konnten wir zeigen, dass dies bei Frauen signifikant mit ihrer Fähigkeit zur Selbstregulation zusammenhängt. Bei Männern waren die Veränderungen der Wurfleistung hingegen mit physiologischer und kognitiver Angst assoziiert.“ Das Dreifaktorenmodell eigne sich somit nicht nur zur Analyse von Leistungsbeeinträchtigung in Drucksituationen, sondern verdeutliche auch geschlechtsspezifische Unterschiede.

Aber nicht jeder, der auf physiologischer und kognitiver Ebene eine hohe Angstbereitschaft mitbringt, leide zwangsläufig auch unter großer Wettkampfangst: „Sind die Selbstregulationsmechanismen gut ausgeprägt und gelingt eine positive Bewertung der Situation, ist Angst kompensierbar“, ergänzt Kopp. Diese Fähigkeit bringen manche von vornherein mit; sie ist aber auch erlernbar.

Angst und Mythen. Dass ein wenig Angst gerade in Wettkampfsituationen motiviert, ist noch in den Köpfen vieler Sportler und Trainer verankert. „Bei der Mehrheit bewirkt Angst allerdings eine Blockade“, sagt Gerald Payer, der sich am Institut für Sportwissenschaft der Universität Graz in der Lehre schwerpunktmäßig mit Methoden zur Vermittlung von Sport und Bewegung, etwa als Sportlehrer, befasst. Er selbst unterrichtet Sport und Philosophie und weiß, dass „man in der Sportpädagogik um eine Beschäftigung mit dem Thema Angst nicht herumkommt.“

Ein gutes Beispiel für die Konsequenzen von Wettkampfangst ist für ihn der sogenannte Trainingsweltmeister: ein Sportler, der so gut ist wie andere auch, dies aber nur in Trainingssituationen unter Beweis stellen kann, da er sich dort wohl und wertgeschätzt fühlt. Von diesem Typus gebe es sehr viele. Die Reaktionen auf Angst können sehr unterschiedlich ausfallen. Leistungsminderung ist jedoch eine häufige Folge, im Extremfall geht in entscheidenden Situationen gar nichts mehr.

Schutzfaktor Zusammenhalt.
Sowohl im Einzel- als auch im Mannschaftssport kann Wettkampfangst den Karriereverlauf deshalb massiv beeinträchtigen. Damit es gar nicht erst soweit kommt, ist der bewusste und richtige Umgang mit der Angst aus Expertensicht ein Muss. Haben es Mannschaftssportler in punkto Wettkampfangst leichter als Einzelsportler? In mancherlei Hinsicht schon: „Etwa dadurch, dass sie weniger stark exponiert sind“, so Kopp. Doch bietet ein Team per se Schutz vor Wettkampfangst? Aus wissenschaftlicher Perspektive betont der Sportpsychologe, „dass sich aus bisherigen Studien nur ableiten lässt, dass der Zusammenhalt im Team ein Schutzfaktor sein kann“.

In der Praxis ist die Meinung, dass sich Fehlleistungen durch die Mannschaft besser kaschieren lassen, noch immer verbreitet. Was zunächst plausibel klingt, hält den Erfahrungen der Sportpsychologin Mirjam Wolf vom Österreichischen Bundesnetzwerk Sportpsychologie (ÖBS) – Kompetenzzentrum Innsbruck, nicht stand.

„Den Fall, dass sich jemand hinter der Gruppe versteckt, erlebe ich nie. Wie stark oder schwach Wettkampfangst in einer Mannschaft ausgeprägt ist, hängt in erster Linie mit dem Teamzusammenhalt zusammen“, betont Wolf, die am Institut für Sportwissenschaft der Uni Innsbruck zu Wettkampfangst forscht. Je nachdem wie gut der Teamzusammenhalt ausgeprägt sei, ließe sich Wettkampfangst kompensieren oder eben nicht.

Wolf stützt sich dabei auch auf ihre Erfahrungen als Sportpsychologin des Frauenfußballnationalteams des Österreichischen Fußballbundes und des U-17-Nationalteams, das sich im Vorjahr für die Endrunde der Europameisterschaft qualifiziert und den fünften Platz erreicht hat.


Besorgnis keine Sackgasse.
Angst vor Fehlern oder davor, eine bestimmte Leistung zum Zeitpunkt X nicht bringen zu können, sind laut Wolf „gerade unter Sportlerinnen weit verbreitet“. Frauen machen sich „tendenziell mehr Gedanken und Sorgen um mögliche Konsequenzen als ihre männlichen Kollegen“.

Dass dies jedoch nicht zwangsläufig eine Sackgasse ist und zu verminderter Leistung führt, legt das genannte dreidimensionale Modell zu Wettkampfangst nahe: Auf Ebene der Selbstregulation besteht nämlich selbst dann noch Handlungsspielraum, wenn auf körperlicher und kognitiver Ebene die Angstbereitschaft groß ist.

Was man hier tun kann, müssten viele erst lernen: „Gerade bei Sportlerinnen ist es wichtig, ihnen Methoden zu zeigen, die ihnen das Gefühl vermitteln, auch unter Stress die Situation unter Kontrolle zu haben“, berichtet Wolf, die mit Handlungsplänen positive Erfahrungen macht. Inwiefern sich der Faktor Selbstregulation auf die Leistungsminderung auswirke, könne so etwa anhand des Damenfußballs analysiert werden. Hier stehe man in der Forschung allerdings noch am Anfang.

Wettkampf als Bühne.
Nicht zuletzt sollte auch auf die Rolle des Trainers geachtet werden. Wie gehen diese mit ihrer eigenen und der Wettkampfangst ihrer Spieler um? Payer, der auf Erfahrung als Profisportler im Basketball zurückblickt, sieht die Lage eher kritisch: „Was den Umgang damit betrifft, gibt es wenige Trainer, denen es gelingt, auf alle Bedürfnisse innerhalb des Teams einzugehen.“ Aus Sicht der Sportpsychologen hat sich die Situation gebessert, was auch damit zu tun hat, dass in der Trainerausbildung auf diesen Aspekt eingegangen wird.

Was für Trainer wie Spieler gleichermaßen gilt: „Wird ein Wettkampf als Bühne betrachtet, wo man sich präsentieren darf und nicht muss, wirkt sich das wie bei einem Konzert oder anderen Auftritten vor Publikum positiv auf die Wettkampf- oder Auftrittsangst aus“, sagt Payer.

Lexikon

Angst gilt wie Freude, Liebe oder Hass als Basisemotion des Menschen. Auslöser können erwartete Bedrohungen sein, die Gesundheit oder aber auch Selbstbild und Selbstachtung gefährden. Angst tritt in verschiedenen sozialen Situationen auf: etwa bei Bewerbungsgesprächen, künstlerischen Auftritten oder im sportlichen Wettkampf. Dabei kommt es zu einer gesteigerten Aktivität des Nervensystems (physiologische Ebene), kombiniert mit der Selbstwahrnehmung von Erregung und einem Gefühl von Anspannung und verstärkter Besorgnis (kognitive Ebene).

Wettkampfangst. Tritt beides zugleich in einer Wettkampfsituation auf, spricht man von Wettkampfangst. Diese entsteht, wenn die Anforderungen des Wettkampfs die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten übersteigen. Einflussfaktoren sind situative Merkmale, etwa die Art des Wettkampfs und dessen Bedeutung, Umgebungsfaktoren wie die Sportstätte, aber auch Zuschauer, Teamkollegen und Trainer sowie frühere Erfahrungen und mitgebrachte oder erlernte Bewältigungsmechanismen. Stress im Wettkampf kann positiven Einfluss auf die Leistung haben; negativ empfunden verursacht er Angst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2014)

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