Wenn mit dem Zeitwort alles gesagt werden kann

Im Gegenwartsdeutsch ist der substantivierte Infinitiv auf dem Vormarsch.

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GERMANY FRANKFURT BOOK FAIR – (c) EPA (Frank May)

Die Sprache ändert sich, und kaum jemandem fällt dies auf. Die historische Sprachwissenschaftlerin Martina Werner erkennt die Veränderung im Phänomen der Zunahme des substantivierten Infinitivs im Gegenwartsdeutschen. „Er ist am Arbeiten“ ist beispielsweise eine oft gehörte Aussage. Aus dem ursprünglichen Verbum ist kurzerhand ein Substantiv geworden.

Werners Forschungsprojekt „Die Diachronie des substantivierten Infinitivs im Deutschen“ wird im Rahmen des Elise-Richter-Programms der FWF-Forschungsförderung unterstützt. Wie die Sprachwissenschaftlerin erklärt, hat die sprachliche Wandlung ab der Mitte des 14. Jahrhunderts – vor allem dann im Frühneuhochdeutschen (Luther-Bibel) bei den abstrakten femininen Substantiven – begonnen.

Wörter wie die Abdrehung (zum Beispiel des Gashahnes), die Hustung, die Kochung oder die Verlachung sind heute unbekannt, sie wurden einfach durch den Infinitiv des jeweiligen Zeitworts ersetzt. Es wäre heute unverständlich, wenn jemand eine „Anchattung“ im Internet vornehmen wollte. Eine Ausnahme sieht die Sprachwissenschaftlerin allerdings doch: Im Juristendeutsch werden vielfach noch die alten, im Neuhochdeutschen verschwundenen Formen verwendet, „weil es sich großteils um eine formalisierte Sprache handelt“, so Martina Werner.

Deutsche Genera als Ausnahme. Dass es in der ersten Phase der Veränderung gerade weibliche Wörter erwischt hat – die Hustung, die Kochung –, ist für die Forscherin nachvollziehbar. Das habe sich in allen indogermanischen Sprachen so vollzogen, nur das Deutsche und das Isländische sind da Ausnahmen: In den anderen Sprachen gibt es nach Abschluss des Umformungsprozesses nur zwei geschlechtsspezifische Substantiva, Maskulinum und Femininum sind zum „Utrum“ verschmolzen, das Neutrum besteht weiter.

Das Englische hat für seine Substantiva nur noch ein Genus. Dass „der Mond“ und „die Sonne“ oft geschlechtsspezifisch interpretiert werden, sei eine Eigenheit der deutschen Literatur. Anders übrigens die slawischen Sprachen, die mit ihren drei Genera dem Deutschen ähnlich sind. Und andere Sprachfamilien kennen noch mehr Genera.


Groß- und kleingeschrieben. Im Gegenwartsdeutschen begegnet uns der substantivierte Infinitiv neben dem Gebrauch als Abstraktum (etwa „das Laufen“, „das Herumstehen“) in verbalen Konstruktionen (wie „ins Rollen kommen“ oder „zum Verschwinden bringen“) oder in Formen wie „er ist arbeiten“. Hier kann „arbeiten“ sowohl klein als auch groß geschrieben werden, beides – ob man das Wort als Substantiv oder als Verbum sieht – ist richtig.

Eine Vereinfachung oder Verarmung will Martina Werner in der Zunahme der substantivierten Infinitive nicht erkennen. „An den dahinterliegenden grammatikalischen Inhalten ändert sich nichts, sie bleiben ja bestehen. Es ist so, als ob man einen Kuchen ein-, zwei- oder viermal durchschneidet.“ Der Kuchen bleibt jedenfalls der gleiche.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2014)

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