»Tetris« im Lkw: Kampf dem Leerraum

Lastwagen sind nur selten voll beladen, auch Container sind oft halb leer. Forscher der TU Graz versuchen nun, intelligente Lösungen dafür zu finden.

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LKW – (c) APA/ANDREAS PESSENLEHNER (ANDREAS PESSENLEHNER)

Wer etwas transportiert, befördert vor allem große Mengen Leerraum. Die meisten Dinge sind einfach nicht dafür geschaffen, gestapelt zu werden und es bleiben Lücken – wer einmal mit einem Kleinwagen übersiedeln musste, kennt das Problem. Man fühlt sich beim Versuch, alles bestmöglich umzuordnen, an das legendäre Spiel „Tetris“ erinnert. Und ist am Ende dennoch oft mit halb leerem Kofferraum unterwegs.

Logistikunternehmen haben im Prinzip ein ähnliches Problem. Auch Lkw sind selten voll beladen, trotz riesiger Logistikzentren mit ausgefeilten Methoden. Dass leere Lastwagen nicht nur unwirtschaftlich, sondern auch wenig umweltfreundlich sind, muss dabei kaum extra erwähnt werden. Ein internationales Forschungsprojekt namens „Modulushca“, im Jahr 2012 mit Beteiligung des Instituts für Technische Logistik der TU Graz gestartet, versucht nun, für dieses Problem neue Lösungen zu finden.

Vorbild ist dabei das Internet: Der globale Datenaustausch ist seit jeher standardisiert, es gibt Protokolle, die die Größe und Austauschfrequenz von Datenpaketen festlegen. So ist erst die dezentrale Struktur möglich, die das Internet zu dem macht, was es ist. Auch in der Logistik gibt es ähnliche Methoden, etwa bei genormten Containern. Sie lassen sich auf Güterwaggons oder Schiffen transportieren, in denen sie oft mehrere Stockwerke hoch gestapelt werden. Einziges Problem: Auch sie sind oft halb leer.


„Physical Internet“. Stapelbarkeit ist also ein Kriterium, die Pläne der Forscher sind aber weit ambitionierter. Neben genormten Behältern soll es außerdem gemeinsam genutzte Transportmittel geben, zudem synchronisierte Lieferungen über ein offenes Netzwerk, das die Forscher „Physical Internet“ nennen. Eine besondere Herausforderung stellen dabei die Behälter dar: Sie sollen sich verbinden lassen und flexibel kombinierbar sein. Nicht nur das: „Die Behälter sind außerdem intelligent“, erklärt der Forscher Christian Landschützer von der TU. „Sie wissen selbst, wo sie hinmüssen.“

Die ISO-Zertifizierung ist eine Vorgabe, ebenso wie CO2-sparende Produktion und einfaches Recycling. Dazu kommen Waschbarkeit und eine übersichtliche Kennzeichnung.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass gerade Diskonter zum Teil auf das Ausräumen verzichten und Paletten direkt ins Geschäft stellen. „Diese Paletten können wir künftig ersetzen“, sagt Landschützer, „Wir denken dabei besonders an übergroße Supermärkte, wie sie etwa in Frankreich üblich sind. Das stellt Anforderungen an das Design, die wir auch berücksichtigen.“ Derzeit sind fünf Größen für die Behälter in Planung. Später sollen es 440 sein, alle soll man modular miteinander kombinieren können. Erste Prototypen aus dem 3-D-Drucker werden gerade getestet.

Der Transport wird über „offene Netze“ passieren, die man sich ähnlich vorstellen kann wie Mitfahrbörsen im Internet. „Das wollen wir über ein neues Abrechnungsmodell erreichen“, so Landschützer. „So können Einzelfahrten gebucht und Leerfahrten verhindert werden, wenn etwa ein Lkw ein Produkt liefert und leer wieder zurückfährt.“ Dazu sind intelligente Algorithmen für die Beladung nötig. „Windeln unten, Batterien oben, alles 2,4 Meter hoch gestapelt – das wird nicht funktionieren“, sagt der Forscher. Lauter Fragen, die Optimierungspotenzial bieten und die auch von der Software berücksichtigt werden müssen.


Praxistests mit Waren. Eine Herausforderung wird nun sein, die Markteinführung vorzubereiten. Dabei wird es interessant sein, ob es gelingt, sich mit Konkurrenzprojekten in den USA und Kanada zu synchronisieren, die eigene Zugänge verfolgen. Seit Ende Mai wird das Modell im realen Warenumlauf getestet, wobei Supermärkte etwa mit Körperpflegeprodukten oder mit Reinigungsmitteln beliefert werden.

Das Potenzial des Projekts ist jedenfalls groß: So wurden laut Statistik Austria im Jahr 2012 allein von den österreichischen Transportunternehmen rund 25,4 Millionen beladene Fahrten durchgeführt, bei denen insgesamt rund 333,9 Millionen Tonnen an Gütern transportiert wurden.

Eine Verbesserung der Effektivität von nur einem Prozent würde sich mit über zwei Millionen eingesparten Fahrten niederschlagen – pro Jahr, in Österreich.

Logistik

Das Projekt
Das Modulushca-Projekt wurde 2012 gestartet und hat eine Laufzeit von drei Jahren. Insgesamt gibt es 15 Projektpartner. Neben der TU Graz sind das Hochschulen, Forschungsinstitute und Logistikunternehmen. Koordiniert wird das Projekt vom deutschen Unternehmen PTV.

Die Zahlen
Im Jahr 2012 wurden laut Statistik Austria allein von österreichischen Transportunternehmen 25,4 Millionen beladene Fahrten durchgeführt, wobei 333,9 Millionen Tonnen Güter transportiert wurden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2014)

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