Vergessen: Das Handy als digitaler Assistent für das Alter

Immer mehr Menschen erkranken an Demenz. Wenn selbst der Alltag zur Herausforderung wird, helfen neue Technologien. Sie erinnern an Medikamente, geben Bekleidungstipps oder weisen den Weg nach Hause.

Seniorin mit Wasserglas
Seniorin mit Wasserglas
Seniorin mit Wasserglas – (c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Eine alte Frau irrt durch die Gassen und findet nicht mehr zurück zu ihrer Wohnung. Sie wird ängstlich und nervös, greift dann aber zum Handy und schon zeigt ihr die programmierte Navigation schnell und einfach, wo es weitergeht. „Demenz geht oft mit Orientierungslosigkeit einher“, sagt Cornelia Schneider. „Wir haben in unserem System daher ein Navigationssystem integriert.“

Die Gesundheitswissenschaftlerin von Salzburg Research leitet seit zwei Jahren das länderübergreifende Forschungsprojekt Confidence. Ziel der Forscher war die Entwicklung eines Assistenzsystems für Demenzkranke mit leichten bis mittleren Einschränkungen. Beim Ambient-Assisted-Living-(AAL)-Forum wurde das gemeinsam mit rumänischen, niederländischen und Schweizer Partnern entwickelte Programm kürzlich als bestes europäisches Projekt ausgezeichnet.

„Wir wollten von Anfang an persönliche Hilfe und Assistenztechnologien verknüpfen“, sagt Schneider. „Ein Unterstützungsnetz für Betroffene besteht immer auch aus Personen, nicht nur aus Technik.“ Und so waren Betroffene aus dem Umfeld – Familie und Freunde genauso wie professionelles Pflegepersonal – in alle Projektphasen eingebunden. „Das System soll ja auch die Angehörigen entlasten“, so Schneider.

Zunächst wurden Anforderungen und Bedürfnisse erhoben. Dazu gab es Workshops mit Mitarbeitern der mobilen Hauskrankenpflege sowie mit Betroffenen und deren Angehörigen. Basierend auf den Ergebnissen wurde ein Prototyp entwickelt. In ersten Tests mit Betroffenen analysierten die Forscher, wie das System grundsätzlich ankommt. Was könnte verbessert werden? Gibt es klare Defizite? Anregungen ließen sie in die Weiterentwicklung einfließen.

Die Tests erfolgten in allen beteiligten Ländern: „Wir wollten sicherstellen, dass das System überall funktioniert.“ Dabei berücksichtigt es auch unterschiedliche Servicemodelle in der Pflege: In der Schweiz gäbe es andere Trägerorganisationen, in Rumänien etwa passiere die Pflege zum Beispiel noch mehr zu Hause, so Schneider. Entsprechend unterscheiden sich auch die Funktionen des digitalen Assistenten.

 

Handelsübliches Handy

Die Basis bildet ein – handelsübliches – Handy, das aber spezielle Kriterien erfüllen muss: Ein lauter Ton und eine gewisse Helligkeit sind genauso wichtig wie einfaches Ein- und Ausschalten oder ein einfaches Laden des Geräts. Oben und unten sollte gut erkennbar sein und das Gerät schließlich auch robust, falls es einmal herunterfällt.

Da normale Smartphone-Oberflächen für die Betroffenen meist nicht geeignet sind, entwickelten die Forscher eine eigene Applikation. Fünf Farben, denen fünf unterschiedliche Funktionen entsprechen, leiten durch das System.

Auch der Farbcode wurde gemeinsam mit möglichen Nutzern getestet. Der Navigationsbutton ist etwa blaugrün: Der Nutzer drückt ihn, wenn er Unterstützung auf dem Heimweg braucht. Das System führt ihn dann nach Hause.

Hinter einem ockerfarbenen Symbol gibt es Informationen zum Wetter. Aber nicht nur das: Welche Kleidung passt zum Tag? Ist es trotz Herbst eher föhnig und warm? Oder regnet es und der Nutzer sollte einen Schirm mitnehmen?

Über ein großes blaues Symbol verbindet der digitale Assistent mit einem persönlichen Ansprechpartner, also mit einer Person aus Familie oder Freundeskreis: „Hier geht es um Herausforderungen des täglichen Lebens, etwa wenn ich einen Fahrkartenautomaten nicht bedienen kann“, sagt Schneider. „Über das System werde ich dann mit einer mir vertrauten Person verbunden, die mir über Videotelefonie die notwendigen Schritte erklärt.“

 

Grün für Tagesplanung

Grün hilft den Tag zu planen: erinnert etwa an den Besuch der Tochter oder an Einkäufe, die man tätigen wollte. Läuft die Waschmaschine oder ist die Kaffeemaschine ausgeschaltet? Das System liest zu einer definierten Zeit Aufgaben laut vor und teilt auch mit, wann welche Medikamente zu nehmen sind.Rot signalisiert wiederum Alarm und ist die Notfalltaste: Eine vom Umfeld definierte Kette von Personen – von Verwandten über den Zivildiener bis zum Rettungsdienst – wird in Gang gesetzt. Das dient dazu, dass auch für kleinere Notfälle jemand erreichbar ist. Melden sich die nahen Angehörigen nicht zurück, wird der Nutzer geortet und automatisch professionelle Unterstützung angefordert.

Alle Funktionen können an die Bedürfnisse und den Schweregrad der Demenz des Nutzers angepasst werden.

„Die Einstellungen lassen sich von den Angehörigen einfach vornehmen“, sagt Schneider. Die Vertrauenspersonen gestalten das System gemeinsam mit den Betroffenen. „Der menschliche Kontakt wird damit aber nicht ersetzt, sondern nur erweitert“, so die Forscherin, die mit der mobilen Technologie dazu beitragen will, dass ältere Menschen länger aktiv bleiben können.

Gefördert wird das europäische Forschungsprojekt mit einer Fördersumme von 2,3 Millionen Euro im Rahmen des Ambient Assisted Living Joint Program der EU und vom Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT).

Erste Akzeptanztests hat das neue System jedenfalls bereits bestanden. Als Nächstes folgt ab Oktober ein breit angelegter Test, bei dem Betroffene das Gerät mit in ihr Umfeld nehmen. Rund 100 Personen in städtischem und ländlichem Umfeld in Österreich, Rumänien und der Schweiz nutzen den digitalen Assistenten sechs Wochen lang. Nach drei Jahren soll er dann für den breiten Einsatz fit sein.

LEXIKON

Demenz ist eine degenerative Erkrankung des Gehirns. Sie geht einher mit Defiziten der kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten. Vor allem das Kurzzeitgedächtnis, aber auch Sprache und Motorik sind von Einschränkungen betroffen.

Ambient Assisted Living Systems sind „Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben“. Sie unterstützen das tägliche Leben älterer oder benachteiligter Menschen und sind an deren Bedürfnisse angepasst. Entsprechend unterscheiden sich die Angebote: Sie reichen von der Unterstützung aktiver Älterer bis hin zu Systemen, die auch das Umfeld der Betroffenen mit einbeziehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2014)

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