Steinzeit-Massaker wegen systematischem Frauenraub?

Bei einem Massaker vor etwa 7000 Jahren gab es keine Überlebenden. Eine neue Analyse der 34 Skelette aus dem Massengrab bei Talheim ergab, dass Frauen der Grund für den Überfall waren.

(c) EPA

Menschen, verscharrt in einem nur drei Meter breiten Massengrab bei Talheim (Baden-Württemberg), mehr als die Hälfte durch einen Schlag auf den Kopf getötet, einige durch Pfeile von hinten: Opfer eines Massakers, das 1983 bei Gartenarbeiten ans Tageslicht kam, aber schon vor ca. 7000 Jahren stattfand, in einer Siedlung der (wegen ihrer verzierten Töpfe so genannten) Bandkeramik-Kultur.

Ein Massaker, bei dem kein Opfer überlebte, sonst hätten die Überlebenden ihre Toten würdiger begraben; mit Tätern, die nicht gleich weiterzogen, sonst hätten sie die Toten einfach liegen lassen: So interpretierten die Forscher bisher das steinzeitliche Verbrechen.

Ansässige Frauen verschont


Doch nun legen Anthropologen um Alex Bentley (Durham, UK) in einer neuen Arbeit (Antiquity, 82, S. 290) eine neue Interpretation vor: Es gab Überlebende, und zwar Frauen. Mehr noch, so Bentley: „Frauen waren anscheinend der unmittelbare Grund für den Überfall. Unsere Analyse spricht dafür, dass die ansässigen Frauen von den Angreifern als etwas Besonderes angesehen und daher am Leben gelassen wurden.

“Frisch analysiert wurden die Isotopen-Verteilungen dreier Elemente (Sauerstoff, Kohlenstoff, Strontium) in den Zähnen der Opfer. Daraus, kombiniert mit früheren Knochenanalysen, ergibt sich eine Aufteilung in drei Gruppen:

1) Die dauerhaft Ansässigen, typische Vertreter der Ackerbau treibenden Bandkeramik-Kultur: vier Männer, acht Kinder. Keine erwachsene Frau. Just die zu dieser Gruppe gehörigen Frauen, so Bentleys These, wurden geraubt.

2) Vier Erwachsene, die sich anders ernährten, offenbar für gewöhnlich eher in höheren Regionen (z. B. im Schwarzwald) lebten. Bentley vermutet, dass das wandernde Viehzüchter waren – im Gegensatz zu den dauernd in der Gegend ansässigen Ackerbauern.

3) Eine Familie: Mann, Frau, zwei Kinder und eine ältere Frau.

Parallelfall im Weinviertel


Welche Rolle diese Familie spielte, kann Bentley nicht klar sagen. Inspiriert ist seine Deutung wohl von einer ähnlichen Bluttat, die auch etwa vor 7000 Jahren in Österreich geschah: Skelettfunde in Schletz im Weinviertel sprechen dafür, dass dort eine ganze Siedlung ausgerottet wurde. Unter den Erschlagenen sind die Frauen eindeutig unterrepräsentiert: ein Indiz für systematischen Frauenraub.

Mit dieser Praxis zumindest vereinbar ist der Befund, dass die Frauen aus dem Grab bei Talheim einander genetisch weniger ähneln als die Männer einander. Das spricht für eine patrilokale Kultur, bei der die Männer ihren Besitz (Vieh, Land) wahren und möglichst an ihre Söhne weitergeben, während die Töchter abwandern (oder eben geraubt werden). Klarer sollte der Fall werden, wenn umfassende DNA-Analysen vorliegen.

(Die Presse, Print-Ausgabe, 03.06.2008)

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