Analytische Chemie: Was die Gladiatoren aßen und tranken

An der Medizin-Uni Wien wurden Knochen von Gladiatoren untersucht. Besonders hoch sind die Strontiumwerte: Schuld könnte ein – auch bei Plinius dem Älteren erwähntes – Aschegetränk sein.

ITALY CULTURE
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Gladiatorenhelme – APA/EPA/MASSIMO PERCOSSI

„Nachtigallenzungen aus Nordgallien, Kaviar aus dem Inneren des Barbarenlandes sowie Krabbenzahnfleisch aus der Mongolei.“ Diese Spezialitäten wurden, wie wir aus „Asterix als Gladiator“ wissen, Asterix und Obelix angeboten, als man sie als Gladiatoren anwerben wollte. Die wirkliche Diät der antiken Showkämpfer war wohl schlichter. Aber nahrhaft: Tacitus schreibt von „gladiatora sagina“, was man mit Mastfutter übersetzen kann, dessen Hauptbestandteile waren laut Galenus Gerste und Ackerbohnen, auch Saubohnen genannt. So wurden die Gladiatoren als „hordearii“ (Gerstenfresser) verspottet.

Forscher um Fabian Kanz und Karl Großschmidt an der Med-Uni Wien befassen sich seit Langem mit Gladiatoren in Ephesos. Seit einiger Zeit untersuchen sie auch deren Ernährung, indem sie Knochen aus dem Gladiatorenfriedhof von Ephesos analysieren. Ihre neue Arbeit ist in der renommierten Zeitschrift „Plos One“ erschienen.

Wie kann man aus alten Knochen lesen? Etwa durch Isotopenanalyse. Viele chemische Elemente kommen ja in mehreren Isotopen (siehe Lexikon) vor, und aus der Verteilung der Isotopen eines Elements kann man etwa auf die Herkunft der Nahrungsmittel schließen, mit denen das Element in den Körper – hier: in die Knochen – gekommen ist. Beim Kohlenstoff deutet der Anteil des seltenen Isotops 13C (im Vergleich zum häufigen 12C) auch darauf hin, aus welchen Pflanzen der Kohlenstoff kommt, aus C3- oder C4-Pflanzen, die beiden Gruppen unterscheiden sich durch ihren Stoffwechsel. Und aus dem Anteil des Stickstoffisotops 15N kann man lesen, wie viel tierische Proteine in der Nahrung waren.

„Man könnte annehmen, dass Gladiatoren besonders viel Fleisch bekommen haben“, sagt Sandra Lösch (Uni Bern), die die Isotopenanalysen gemacht hat, „aber wir haben keine signifikanten Unterschiede zur Normalbevölkerung von Ephesos gefunden.“ Dass dort die 15N-Werte allgemein niedriger sind als in anderen antiken Städten, könnte an einem Übermaß an Hülsenfrüchten liegen. Generell kann man aus den Isotopen keine großen Spezialitäten der Gladiatoren lesen, nur bei einigen Individuen sprechen die 13C-Werte dafür, dass sie aus einer anderen, eher wärmeren Region gekommen sind. Die Werte des Schwefelisotops 34S könnten bedeuten, dass sie mehr Fisch (oder Krabbenzahnfleisch?) gegessen haben als in Ephesos üblich, aber das bedarf einiger Interpretation.

Ganz typisch für die Gladiatoren scheint dagegen ein anderer Wert: das Verhältnis von Strontium (nicht das aus den Zeitungsberichten bekannte, übel beleumundete radioaktive 90Sr, sondern das ganz normale 88Sr!) zu seinem leichteren Schwesternelement Kalzium. Es ist doppelt so hoch wie in der Normalbevölkerung. Das spricht für einen erhöhten Kalziumstoffwechsel.

 

Asche gegen Schmerzen?

Es gibt noch eine andere Erklärung. Plinius der Ältere schrieb in seiner „Naturalis historia“, die Gladiatoren hätten nach den Kämpfen Pflanzenasche in einem Getränk zu sich genommen, um Schmerzen zu kurieren – was sinnvoll sein kann, etwa um Kalzium- oder Magnesiumdefizite auszugleichen. Das ist nicht so ungewöhnlich, wie es klingt: Viele Kulturen verwenden Pflanzenasche als Gewürz, Zutat (auch um Saucen einzudicken) und Medizin. Die Asche könnte jedenfalls schuld an den ungewöhnlich hohen Strontiumwerten der Gladiatoren sein.

LEXIKON

Isotope. Alle Atomeeines chemischen Elements haben gleich viele Protonen im Atomkern, etwa Wasserstoff ein Proton, Kohlenstoff sechs oder Stickstoff sieben Protonen. Sie können sich aber durch die Anzahl der Neutronen im Kern unterscheiden, dann spricht man von unterschiedlichen Isotopen. So gibt es von Kohlenstoff in der Natur zwei Isotope: 12C mit sechs Neutronen und das seltenere 13C mit sieben Neutronen. Chemisch verhalten sich die Isotope eines Elements alle gleich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2014)

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