Evidenzbasierte Medizin: Wissenschaft gegen Mythen

Die Plattform medizin-transparent.at prüft Studien und Informationen aus dem Internet auf ihre Wissenschaftlichkeit: Auch Leseranfragen sind seit Kurzem möglich.

Auf einem Loeffel liegen Tabletten
Auf einem Loeffel liegen Tabletten
Wirkt das Nahrungsergänzungsmittel überhaupt? – Erwin Wodicka - BilderBox.com

Machen Light-Getränke dick? Eher nicht. Schützen Cranberrys vor Blasenentzündung: möglicherweise nein. Lösen Kondome Depressionen bei Frauen aus? Die Studienlage dazu ist unklar. Das sind nur drei von hunderten Antworten, die man auf der Plattform medizin-transparent.at findet. Auf der Homepage erfährt man schnell und einfach, welcher Wahrheitsgehalt hinter Schlagzeilen steckt und welche in Zeitungen beschriebenen Studien wissenschaftlich fundiert sind. Bernd Kerschner hat die Plattform, die vom Department für Evidenzbasierte Medizin der Donau-Uni Krems betrieben wird, mitaufgebaut.

 

Die Presse: Wenn Sie wissenschaftlichen Unfug in der Zeitung lesen: Lachen Sie dann oder ärgern Sie sich?

Bernd Kerschner: Beides. Aber ich ärgere mich wirklich oft, wenn ich wieder etwas über Nahrungsergänzungsmittel lese, die angeblich „die Gesundheit fördern“ oder „das Immunsystem stärken“. Die Behauptungen sind absichtlich so schwammig, damit man den Herstellern nicht das Gegenteil beweisen kann. Es ärgert mich, weil viele Leute das glauben und solche Produkte kaufen.

 

Wie kam es dazu, dass an der Donau-Uni Krems eine Webplattform gegründet wurde, die solche Dinge aufdeckt und Zeitungsmeldungen wissenschaftlich überprüft?

Ich war 2011 Praktikant im Department für Evidenzbasierte Medizin und wurde mit dem Projekt betraut. Heute sind wir zwei Vollzeitjournalisten, und ein Team von Ärzten und anderen hilft beim Gegenchecken der Fachinformationen.

 

Warum konzentrieren Sie sich auf Zeitungsmeldungen?

Das war nur anfangs so: Unser Vorbild in Großbritannien, „Behind the Headlines“ vom National Health Service, untersucht für einzelne Zeitungsartikel, ob die dazugehörige Studie wissenschaftlich Hand und Fuß hat. Wir wollten das ausführlicher machen: Für Behauptungen in populärwissenschaftlichen Texten möchten wir alles, was dazu wissenschaftlich publiziert wurde, lesen und abwägen. So etwas gibt es im ganzen deutschsprachigen Raum nicht.

 

Aber jetzt gehen Sie über den Printjournalismus hinaus?

Ja, denn ein reines Medienbashing, bei dem herauskommt, dass dieser und jener Artikel falsch war, ist nicht zielführend. Wir wollen, dass uns Leser ihre Fragen schicken, auf anfragen@medizin-transparent.at. Bevor jemand 100 Euro für ein Flascherl Vitamintabletten aus dem Internet ausgibt, soll er wissen, ob die wirken oder ob er sein Geld beim Fenster hinauswirft.

 

Könnten interessierte Leser das nicht selbst herausfinden?

Die Recherche ist sehr aufwendig: Es dauert oft eine Woche, bis ein Artikel bei uns fertig ist. Sogar Ärzte tun sich schwer, so zeitaufwendig zu einem Thema alle Publikationen durchzuackern. Wir nutzen Datenbanken wie PubMed, in denen medizinische Publikationen gesammelt sind. Am ergiebigsten sind wissenschaftliche Übersichtsarbeiten zu einzelnen Themen. Auch unsere Dachorganisation Cochrane Collaboration bietet systematische Übersichtsarbeiten zu Gesundheitsthemen. Unser Anspruch ist sehr hoch: Bei uns lässt niemand einen Stapel Studien liegen oder überfliegt nur die Kurzfassungen, weil es schon Freitagmittag ist, und es ihn nicht mehr freut. Wir versuchen immer, die gesamte Studienlage in unsere Bewertung einzubeziehen.

 

Welche Themen kommen am öftesten in Ihrer Recherche vor?

Da ist alles dabei: Doch über Nahrungsergänzungsmittel und Homöopathie wird am meisten geschrieben. Fehlinformation gibt es meist dort, wo eine Industrie mit viel Geld dahintersteckt: Dann werden PR-Meldungen getarnt als journalistischer Text in die Medien gebracht. Spannend war etwa auch die Tamiflu-Geschichte: Die Firma Roche lancierte Pressemeldungen über die Wirksamkeit des Anti-Influenza-Mittels, die übertrieben waren. Die Cochrane Collaboration deckte schließlich auf, dass Roche Studien zurückgehalten hatte, die bei herkömmlicher Grippe nur eine minimale Wirksamkeit zeigten. Bei der Schweinegrippe ist völlig unklar, ob Tamiflu überhaupt wirkt.

 

Gibt es auch positive Beispiele?

Es ist erfrischend, wenn Medien, die zuvor wissenschaftlich nicht fundierte Meldungen verbreiten, diese später zurücknehmen: Kürzlich ist mir das bei einem Artikel über die Wirkung des Vollmondes aufgefallen. Einige Tage später erschien ein Beitrag, der den vorigen korrigierte, mit dem Fazit: Der Einfluss des Mondes auf uns ist wissenschaftlich nicht belegt.

AUF EINEN BLICK

Bernd Kerschner (geb. 1977 in Wien) studierte Psychologie und Molekularbiologie an der Uni Wien und sattelte später auf Medizinjournalismus um.

Medizin-transparent.at wurde 2011 gegründet, um Schlagzeilen heimischer Printmedien kritisch zu hinterfragen. Das Online-Service wird von der Donau-Uni Krems betrieben, in Kooperation mit dem Schaffler-Verlag und der Österreichischen Cochrane-Zweigstelle, einem Dachverband für evidenzbasierte Medizin. Leserfragen senden Sie an: anfragen@medizin-transparent.at

„100 Medizin-Mythen“ heißtdas erste Buch von medizin-transparent.at, das am 23. Oktober erscheint. [ Donau-Uni Krems/Andrea Reischer ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2014)

Kommentar zu Artikel:

Evidenzbasierte Medizin: Wissenschaft gegen Mythen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen