Wie man Mäuse „humanisiert“

Das Wiener Darwin-Symposium begann mit dem Ursprung des Menschen – und der DNA unseres Cousins, des Neandertalers.

„Ursprung des Menschen aus molekulargenetischer Sicht“ war als Titel des Eröffnungsvortrags des Akademie-Symposiums zum Thema „Evolution“ avisiert gewesen – Vortragender Svante Pääbo (Max-Planck-Institut Leipzig) schränkte ihn gleich weise ein: „aus Sicht des Neandertalers“. Denn mit dieser vor weniger als 30.000 Jahren ausgestorbenen Menschenart befasst er sich – beziehungsweise mit ihren Genen.

Was mühsam ist, denn selbst wenn man DNA aus Knochen extrahieren kann – was durchaus nicht immer geht –, sind höchstens vier Prozent davon vom Neandertaler, der Rest stammt von Bakterien, Pilzen etc. Und die Sequenzen, die man erhält, sind kaum länger als 50 Basen, lächerlich kurz im Vergleich zur den drei Milliarden Basen des menschlichen Genoms.

Dass es laut Pääbo doch gelungen ist, 62Prozent des Neandertaler-Genoms mindestens einmal zu „sehen“, ist wohl ein Meisterwerk der Datenverarbeitung. Vergleiche diverser Sequenzen mit denen heutiger Menschen – DNA von alten Exemplaren des Homo sapiens hat man kaum – ergaben: Der letzte gemeinsame Vorfahre lebte vor 800.000 Jahren.

Die alte Frage, ob Neandertaler zu unserem Genom beigetragen haben, beantwortete Pääbo vorsichtig: Wenn, dann ist der Beitrag sehr gering.

Spannend war der Vergleich des Gens FoxP2, das mit der Sprachfähigkeit zu tun hat: Die beiden spezifisch menschlichen Mutationen in diesem Gen – das wie so viele Gene die Entwicklung von Nervenzellen beeinflusst – hatte der Neandertaler schon, sie müssen also vor seiner Abspaltung passiert sein. Die Frage bleibt: Was bewirken die beiden Mutationen? Pääbo berichtete von einem – noch unpublizierten – Experiment, das nach Science-Fiction klingt: Eine Maus wurde erzeugt, die anstelle des Maus-FoxP2 das Menschen-FoxP2 trägt. Dann wurde sie exzessiv getestet, auf 323 Parameter. Statistisch signifikant seien nur zwei Unterschiede zu „normalen“ Mäusen, erklärte Pääbo: Die „humanisierte Maus“ verhält sich in ungewohnter Umgebung vorsichtiger, und sie piepst (im Ultraschallbereich) höher. Ob und wie diese Modulation des Piepsens analog zur menschlichen Sprechfähigkeit interpretiert werden kann, müssen freilich neurologische Analysen erst zeigen. tk

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2009)

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