Was beherrscht unser Leben? Die runde Zahl!

Nicht nur im Alltag orientieren wir uns an runden Zahlen, unser Leben strukturieren wir danach: Wir teilen es in Dezennien ein und erneuern es in Abhängigkeit von ihnen – oder beenden es.

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Das Gedenkjahr neigt sich, und wer zurückblickt auf die Feierstunden zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, wird über den Tsunami ein wenig den Kopf wiegen: Ist der Schrecken geringer, wenn seither 99 Jahre vergangen sind, oder 101? Nun ja, die Fixierung auf 100 mag pragmatische Gründe haben, man kann nicht jedes Jahr jedes Ereignis der Menschheitsgeschichte erinnern. Aber runde Zahlen sitzen tiefer in den Köpfen, an Selbstbedienungstankstellen etwa wird oft auf einen runden Betrag gezapft, allenfalls ein Cent kommt dazu, weil man nicht rechtzeitig reagiert hat.

Gerade um die winzige Abweichung hingegen geht es im Supermarkt – kein Produkt kostet zwei Euro, so praktisch es wäre, einen Cent bekommt man zurück –, sie zeigt sich umgekehrt an Börsen, wo Aktien gern zu Kursen leicht oberhalb einer runden Zahl abgestoßen werden. Deren Macht zeigt sich auch im Privatesten, in der Einteilung des eigenen Lebens: Das hat zunächst fixe Daten, erst kommt die Initiation in eine Religionsgemeinschaft, dann die in die Gesellschaft mit ihren Rechten und Pflichten, Strafmündigkeit, Wahlrecht etc. Diese Stunden werden von der Natur geschlagen, bei der Konfirmation ist man 14 und am Beginn der Pubertät, mit 18 ist die vorbei, dann ruft das Militär.

Spätestens mit 21 ist der Teil des Lebens vorbei, der Rest wird vom Ritual der runden Geburtstage diktiert, in seinen Hoffnungen und Düsternissen nirgends so ausgeprägt wie in Ingeborg Bachmanns „Das dreißigste Jahr“. Auch das geht vorbei – „Ich lebe ja“, heißt es gegen Ende –, das Leben fließt weiter, bis vor dem nächsten runden Geburtstag. Dann werden alle unruhig: Gratulanten bereiten die Feier vor, den Jubilaren ist bisweilen nicht so danach, sie ziehen sich in Nachdenklichkeit zurück, ins Bilanzieren. Und ins Ändern des Lebens – oder auch ins Beenden.

 

„Neunender“ versinken ins Bilanzieren

Diese Macht einer x-beliebigen Zahl ist jedem vertraut, trotzdem befassen sich Psychologen nur sporadisch damit. Adam Alter (Marketing Department, Stern School of Business, New York University) hat es gerade getan und bietet jedem den Trost, dass er nicht allein ist in seinem Starren auf die Schlange des Dezenniums (Pnas, 17. 11.): Er hat zunächst breit gefragt, 42.063 Menschen auf der ganzen Erde – via „Mechanical Turk“, das ist ein Internetwerkzeug –, ob sie selten oder oft über ihr Leben nachdenken, die Antwortmöglichkeit reichte von 1 (nie) bis 4 (oft). – Die meisten, 46,7 Prozent, tun es oft. Und am häufigsten tun es „Neunender“, das sind die, die vor einem runden Geburtstag stehen, 29-Jährige, 39-Jährige etc. Der Effekt war allerdings gering und die Frage wenig differenziert, deshalb wurde es in der nächsten Runde konkreter. Es gab drei Fragen: „Was werden Sie morgen tun?“, „Was am nächsten Geburtstag?“, „Was am nächsten runden Geburtstag?“. An Letzterem würden wieder vor allem Neunender „tiefer über ihr Leben nachdenken“.

Es bleibt nicht beim Denken, viele geraten in der Mitte des Lebens in eine Krise, viele suchen neue Abenteuer – Männer sexuelle: Alter wertete Dating-Websites mit Millionen Usern aus und fand Neunender überrepräsentiert – oder neuen Sinn, etwa im Sport: Wer seinen ersten Marathon läuft, ist überdurchschnittlich häufig Neunender. Aber nicht jeder sieht einen Sinn, die Bilanz fällt oft so schwarz aus, dass Neunender häufiger als andere ihrem Leben ein Ende setzen. Die Zahlen gelten für die USA – Österreichs Statistiken sind nicht ausgewertet –, aber man darf mit Alter vermuten, dass sie alle Gesellschaften beherrschen, die sich auf das Dezimalsystem eingelassen haben, aus pragmatischen Gründen, ohne Ahnung von dessen Macht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2014)

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