Studie: Kultur der Banken lässt Banker Moral vergessen

Zumindest beim Verhaltenstest im Labor neigen Banker zum Betrügen, aber nur dann, wenn sie unvermerkt gerade ihre Arbeit im Hinterkopf haben. Das unterscheidet sie von allen anderen Berufsgruppen und kommt von der starken Konzentration auf materielle Werte.

(c) REUTERS (CHIP EAST)

Ein Einbruch in eine Bank sei nichts gegen die Gründung einer Bank, bilanzierte Bertold Brecht, Gesinnungsgenossen lobten das Aperçu, die Gegenseite zuckte kaum die Schultern, schließlich ist das Gewerbe des Geldes eines der ältesten und honorigsten. Aber dann kamen die Finanzkrisen, in denen sich zeigte, dass ganz wenige Akteure die Welt an den Abgrund treiben können, 2011 verspielten die zwei Investmentbanker Jerôme und Kweku Abodoli zehn Milliarden Dollar, Bernard Madoff hatte es zuvor schon ganz allein auf mindesten 65 Milliarden gebracht.
Dass das nicht nur individuelle Verfehlungen waren, sondern dass unmoralische Handlungsweisen ins System eingebaut sein können, zeigte sich spätestens beim Libor-Skandal, in dem nicht Einzelpersonen, sondern viele Abteilungen in vielen Instituten Kurse manipulierten. Das hat sich herumgesprochen, bis in höchste Etagen, nicht allein an Stammtischen fallen böse Worte über Banker und Banken, auch von Staatspräsidenten und Bundeskanzlerinnen ist inzwischen nachgerade Brecht'sches zu hören.
Was ist dran? Viel, das zeigt ein Experiment, das sich Ernst Fehr, gebürtiger Vorarlberger und Wirtschaftsforscher an der Uni Zürich, ausgedacht hat. Es ist ganz simpel: Man lässt Testpersonen eine Münze werfen, zehn Mal, völlig unbeobachtet, dann fragt man: Wie oft Kopf, wie oft Zahl? Vorher hat man sie noch wissen lassen, dass es für jeden Kopf 20 Dollar Belohnung gibt. Die Testpersonen waren 128 Mitarbeiter von Großbanken, vor dem Test wurden sie „geprimed“: Fehr stellte Fragen, die unvermerkt auf das kommende Handeln durchschlugen.

Ein Viertel neigt zum Betrug

Bei der einen Hälfte der Probanden hatten sie mit dem Beruf zu tun – „Bei welcher Bank arbeiten Sie?“ –, bei der anderen ging es um Privates, etwa: „Wie viele Stunden in der Woche verbringen Sie vor dem TV-Gerät?“ Dann wurden die Münzen geworfen, und die, die auf Privates „geprimed“ waren, berichteten auch ganz redlich: Ihre Kopf/Zahl-Bilanz wich vernachlässigbar von der erwartbaren Zufallsverteilung ab: In 51,6 Prozent der Fälle verbuchten sie den gewinnbringenden Kopf. Von den anderen hingegen, die beim Test unvermerkt ihren Beruf im Hinterkopf hatten, wurden durchschnittlich 58,2 Prozent Köpfe gemeldet. Ein Viertel der Testpersonen betrog in diesem Fall also.
Wie das? Fehr hat auf viele Variablen kontrolliert – Alter, Geschlecht, Einkommen, Nationalität –, sie spielen nicht mit. Er hat auch viele Erklärungsmöglichkeiten durchgespielt: Es könnte etwa sein, dass es darum geht, dass jemand im Wettbewerb die Nase vorne haben will. Deshalb wurden alle Testpersonen gefragt: „Wie wichtig ist es für Sie, dass Sie in Ihrer Tätigkeit der Beste sind?“ Es war für alle wichtig, die Betrüger und die Redlichen, daher kommt der Betrug nicht.
Kommt es vielleicht daher, dass manche Banker auf Feldern mit hohem Risiko arbeiten? Auch Fehlanzeige, ebenso wie bei dem Verdacht, Banker könnten sich beim Handeln nicht an Normen orientieren, sondern am von ihnen vermuteten Handeln der Kollegen. Auch das ist es nicht, alle Banker halten die anderen Banker für redlich.
Ist es vielleicht schlicht überall im Geschäftsleben so? Wieder nicht, Fehr hat zur Kontrolle vergleichbares Personal aus vielen Industrien getestet – Pharmazie, Telekommunikation etc. –, bei keinem wirkte sich das „Primen“ mit dem Beruf in Form von Betrug aus. Bleibt eines: „Die herrschende Business-Kultur der Bankindustrie begünstigt unehrliches Verhalten“, und diese Kultur besteht darin, dass sich alles um „materialistische Werte“ dreht (Nature 19. 11.).

Kulturrevolution! Mit Eid bekräftigt

Also bräuchte es eine Kulturrevolution: „Banken sollten ehrliches Verhalten dadurch fördern, dass sie die Normen ändern, die mit der Identität ihrer Mitarbeiter verbunden sind“, es sollte mehr „um den Einfluss des Verhaltens auf die Gesellschaft gehen als um kurzzeitigen Eigennutzen“. Und das sollte nicht nur auf Papier beschworen werden: Fehr schließt sich Forderungen nach einer Art von hippokratischem Eid für Banker an.

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