Abfall: Was zu Weihnachten sonst noch so abfällt

Die Wissenschaft vom Müll hat viele Facetten. An der Boku Wien beleuchten Forscher die gesamte Wertschöpfungskette, untersuchen die Auswirkungen auf die Erdatmosphäre und Nanomaterialien in Abfällen.

Young woman hinding a christmas present
Young woman hinding a christmas present
(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Nach dem Geschenkberg kommt der Müllberg. Beim Festessen bleibt meist viel über. Das meiste, was unter dem Christbaum wartet, ist verpackt. Und viel Altes wird nach Weihnachten gegen das Neue ausgetauscht – und weggeworfen.

Abfall ist ein bunter Begriff: So bunt wie alles, was dort landet. Denn Abfall ist das, was jemand wegwirft, weil es nicht mehr gemäß der ursprünglichen Bestimmung verwendet wird oder verwendet werden kann. Im Kleinen wie im Großen, grob lässt sich zwischen Haushalts- und Industriemüll unterscheiden. Geht man weiter ins Detail, kennt die EU 800 verschiedene Müllarten.

In der Weihnachtswoche fällt vor allem viel Verpackungsmaterial an. 300 Tonnen mehr Altpapier als sonst sind es allein in Wien, 550 Tonnen mehr beim Restmüll. Laut Bundes-Abfallwirtschaftsplan erzeugen Österreichs Haushalte auf das Jahr gerechnet rund 3,9 Millionen Tonnen Müll.

Am Institut für Abfallwirtschaft der Boku Wien forschen Wissenschaftler zu den verschiedenen Aspekten von Müll: von der Abfallvermeidung über das Recycling bis hin zur Altlastensanierung. Auch Lebensmittelabfälle sind ein eigener Schwerpunkt. „Gerade zu den Feiertagen kauft man viel, kocht, und was nicht gegessen wird, wirft man oft weg“, sagt Institutsleiterin Marion Huber-Humer.

Seit zwei Jahren sammeln die Forscher daher gemeinsam mit 20 Partnern aus 13 Ländern Daten. Die Kernfrage: Wie viel Abfall entsteht entlang der gesamten Wertschöpfungskette, also von der Produktion auf dem Feld bis zum Mittagstisch des Konsumenten? „Bisher lag der Fokus eher auf dem Endkonsumenten“, so Huber-Humer.

 

Forschung auf Kartoffelfeld

In ihrer Arbeit bewegen sich die Forscher auch viel „im Feld“. Das allerdings wortwörtlich. Sie zählen etwa auf Kartoffelfeldern, wie viele Knollen nach der Ernte liegen bleiben. „Große Landwirtschaftsmaschinen können nicht alles aufnehmen“, sagt Huber-Humer. Im Fokus stehen aber auch der Handel und Mülldeponien. Statistische Auswertungen sollen bis 2016 neue Erkenntnisse zum Abfallverhalten der Europäer bringen.

Europaweit spitze sind die Wissenschaftler bei Messungen von Gasen auf Mülldeponien: Denn Methan und Lachgas gefährden die Erdatmosphäre. Lachgas hat sogar einen 298-mal größeren Effekt auf das Klima als CO2. Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) nutzen sie eine spezielle Lasermessmethode und ein metereologisches Ausbreitungsmodell aus den USA, um die Mengen exakt zu bestimmen. Auch Windgeschwindigkeit und -richtung werden berücksichtigt.

Denn Lebensmittel wie Brot, Wurst oder Obst setzen beim Vergären Methan frei. „In den dunklen Restmülltonnen landet immer noch sehr viel, was da nichts zu suchen hat“, sagt Huber-Humer. Die Österreicher hätten zwar im europäischen Vergleich eine gute Recycling-Moral. Die Schwachstelle bei der Mülltrennung bleibe aber immer noch der Mensch.

Seit 2004 muss Restmüll besser vorbehandelt werden: „Er wird sortiert, Werkstoffe wie Metall herausgeholt und wiederverwertet“, so die Professorin für Globale Abfallwirtschaft. Ein Teil wird verbrannt, ein Teil biologisch behandelt. Auf den Deponien lagert aber noch viel älterer Müll. Auch wenn kein frischer organischer Abfall nachkommt, gelte es, diesen zu beobachten, damit er die Umwelt nicht schädigt. Zusätzlich kontrollieren die Forscher auch das Sickerwasser von Abfalllagerungen.

Müll muss aber nicht wertlos sein. Seit einigen Jahren werden daher wertvolle Rohstoffe wie seltene Metalle – speziell aus Elektroaltgeräten – wiederverwertet. Die Forscher untersuchen Qualität, Menge und Reinheit der verschiedenen Schätze aus der Abfalltonne.

 

Aus Müll Energie gewinnen

Darüber hinaus nehmen die Wissenschaftler auch Abfallbehandlungs- und Verwertungsanlagen wie etwa Biogasanlagen unter die Lupe. Neben landwirtschaftlichen Abfällen landet dort auch Müll aus der Biotonne. Die Abfälle vergären und erzeugen dabei Energie. „Wir wollen eine Datengrundlage schaffen, wo welche Verluste auftreten“, sagt die Landschaftsökologin und Umwelttechnikerin. Also etwa, ob bei der Lagerung der Gärreste Energiepotenzial verloren geht. „Es geht um die Energiebilanz, aber auch um die Effizienz der Verfahren.“ Der Österreichische Klimafonds fördert die Forschung.

Ein eher neuer Forschungsschwerpunkt ist die Untersuchung von Nano-Abfällen in Konsumprodukten. Ob in Kosmetika oder Wandfarbe: „Weltweit gibt es derzeit über 1300 Produkte mit Partikeln in Nanometer-Größe“, sagt Huber-Humer. Die Teilchen haben unterschiedliche Formen und Größen und damit unterschiedliche Eigenschaften. „Wir wissen noch nicht, was das etwa für das Recycling heißt“, so die Forscherin.

Werden Teilchen freigesetzt? Lassen sie sich einatmen, und welche Wirkung hat das? Dazu arbeiten die Forscher mit Kollegen vom Department für Nanobiotechnologie der Boku und vom Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zusammen. Gemeinsam wollen sie dazu beitragen, dass es künftig Überwachungsszenarien für diese Stoffe gibt.

Erster Schritt ist die Aktualisierung der österreichischen Nano-Produktdatenbank. Ein Bericht zum von Gesundheits-, Lebens- und Technologieministerium unterstützten Projekt Nanomia ist für April 2015 geplant.

LEXIKON

Abfall bedeutet laut Abfallwirtschaftsgesetz subjektiv, dass sich jemand einer Sache entledigt, die nicht mehr bestimmungsgemäß verwendet wird oder werden kann. Bei der Beurteilung, ob Abfall im objektiven Sinn vorliegt, sind „jene Gefahren für die Umwelt zu berücksichtigen, die von den Sachen selbst ausgehen und die durch die Erfassung und Behandlung [...] hintangehalten werden könnten“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2014)

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