Erst 2033 wird das Jahr der Sau

Österreich ist Pionier in Europa: Die Kastenstandhaltung wird ab 2033 gelockert. Wissenschaft und Praxis sammeln nun Erfahrungen.

Kurz vor dem Abferkeln, der Geburt der Jungtiere, baut die Sau ein Nest. Sie wühlt, trägt Nestmaterial zusammen. Dieses Instinktverhalten, wie Konrad Lorenz es nannte, ist nicht abzulegen, auch nicht von Sauen in der modernen Schweineproduktion. Allerdings: In Österreich werden sie fünf Tage vor dem Abferkeln im Kastenstand, einem Metallkäfig, fixiert, können nur aufstehen oder liegen. Nestbauen geht sich da nicht aus. Die Sau kompensiert den Mangel durch Stress und Stangenbeißen.

Dabei hat sich die Situation für die Sauen erst jüngst deutlich verbessert, sagt Johannes Baumgartner von der Vet-Med-Uni Wien: „Bis 2012 konnte eine Zuchtsau von der ersten Brunst bis zur Schlachtung durchgehend im Kastenstand gehalten werden.“ Dank einer Gesetzesänderung sind es nun etwa 20 Wochen pro Jahr. Weitere Umstellungen stehen 2033 an – zugunsten der Sau. „Pro-SAU“ heißt das von einer breiten Allianz (Gesundheits- und Lebensministerium, HBLFA Raumberg-Gumpenstein, Landwirtschaftkammern, Verband der Schweinebauern, AGES und Boku Wien) getragene Projekt, an dem Baumgartner arbeitet. Die Vet-Med-Uni entwarf das Forschungsdesign und setzt es mit eigenen Schweinen um, die HBLFA tut dies in der Fachschule Hatzendorf und im Schweinezentrum Gießhübl. Sechs Betriebe sind eingebunden, um auch Praxisdaten in die Studie zu integrieren.

Praxistaugliche Ergebnisse sind nötig, denn: Sauen dürfen ab 2033 höchstens während der „kritischen Lebensphase“ der neu geborenen Ferkel fixiert werden. Ob diese drei, vier oder sechs Tage dauert, ist eine von Baumgartners Forschungsfragen. In den beengten Verhältnissen kommt es vor, dass die Sau Ferkel erdrückt. Der Kastenstand soll die Jungtiere davor schützen, nur: „Die Sau ist der Loser“, sagt Baumgartner. Gibt es mehr Platz – 5,5 Quadratmeter müssen es ab 2033 sein statt derzeit vier – können die schon nach wenigen Tagen flinken Ferkel ausweichen und ihre Mortalität sinkt.

Seit den 1970ern geht es in der Fleischproduktion immer industrialisierter und kompetitiver zu. Baumgartner: „Wenn ein größerer Teil der heimischen Ferkelerzeugung wegbricht, müssen Tiere importiert werden. Das führt zu einer weiteren Intensivierung, von Genetik bis Tierbetreuung.“ In allen EU-Ländern außer Schweden ist der Kastenstand in der Abferkelbucht dauernd geschlossen. Österreich beschränkt als erstes Land die Fixierungsdauer. Das von der Landwirtschaft mitentwickelte Wissen soll die Pionierarbeit stützen. (trick)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2014)

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